Des Vogels nächster Verwandter

Die Artenvielfalt und die Veränderungen der Krokodile über Millionen von Jahren sind typisch für die Vorgänge der Evolution. Im Zoologischen Museum der Universität Zürich wird die Entwicklung der urtümlichen Panzerechsen gezeigt.

Bruno Knellwolf
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Ein Salzwasserkrokodil sonnt sich am Flussufer. Das fünf Meter lange Tier hat gegen die Überhitzung des Kopfes sein Maul geöffnet. (Bild: Uni Zürich)

Ein Salzwasserkrokodil sonnt sich am Flussufer. Das fünf Meter lange Tier hat gegen die Überhitzung des Kopfes sein Maul geöffnet. (Bild: Uni Zürich)

Wer Krokodile im Zoo beobachtet, denkt: Die haben Zeit. Sie regen sich kaum, sondern liegen platt auf dem Sand oder im Wasser. Tatsächlich sind Krokodile urtümliche Tiere und die Lieblinge des Paläontologen Marcelo Sanchez von der Universität Zürich. Allerdings faszinieren ihn nicht nur die lebenden, sondern auch die fossilen Krokodile, nach denen er in Urumaco in Venezuela mit Erfolg sucht. Um anhand der Krokodile zu zeigen, dass die Evolution kein geradliniger Prozess ist, hatte der Wirbeltierspezialist die Idee, im Zoologischen Museum der Uni Zürich in der Ausstellung «Das Krokodil im Baum» das Werden der Krokodile darzustellen. Da zeigt sich manch Sonderbares. Denn wer hätte gedacht, dass die nächsten Verwandten des Krokodils die Vögel sind. Beide stammen vom Archosaurus ab.

Drei Grossarten

Um die Gesamtheit aller Panzerechsen zu beschreiben, wird der Begriff «Krokodylier» verwendet. Zu diesen gehören die echten Krokodile wie das Nil- oder Salzwasserkrokodil sowie auch die Alligatoren, Kaimane und Gaviale. Am Ursprung des Zweigs, der zu den Krokodyliern führt, steht im Stammbaum der Ticinosuchus. Der Tessiner Urgrossvater ist vor etwa 242 Millionen Jahren ausgestorben, eine parallele Entwicklungslinie brachte Vögel und Dinosaurier hervor. Ticinosuchus versteinerte Knochen wurden am Monte San Giorgio gefunden.

Dieser Räuber aus der mittleren Triaszeit ist im Gegensatz zu den heutigen Krokodilen hochbeinig. Für Sanchez ist der Ticinosuchus somit ein gutes Beispiel, um zu zeigen, welche aussergewöhnliche Vielfalt, Formen und Grössen die Evolution möglich macht. Grundsätzlich besitzen die Krokodylier wie die Schlangen und die Vögel zwei Schläfenöffnungen in ihrem Schädel. Damit unterscheiden sie sich von den Schildkröten und den Säugetieren. Der ursprüngliche Archosaurierschädel besass noch eine weitere Öffnung, wie sie beim Tessiner Urahn noch zu sehen ist. Bei den modernen Krokodilen ist diese nicht mehr erkennbar.

242 Millionen Jahre später existieren noch 15 Krokodil-Arten, acht Alligator- und Kaiman-Arten und nur noch eine einzige Gavialart. Natürliche Feinde haben sie kaum, nur den Menschen. Seinetwegen ist die Hälfte aller Krokodylier-Arten vom Aussterben bedroht. Die grösste Population haben der Mississippi-Alligator und der Brillenkaiman mit mehr als einer Million Tiere.

Wie ein Tyrannosaurus Rex

Alle Krokodylier leben amphibisch. An Land errichten sie in Ufernähe ihre Nester, legen Eier wie Vögel, erbeuten die Nahrung aber meist im Wasser. Nilkrokodile werden rund sechs bis sieben Meter lang. Aus Sanchez' Fossilienfunden lässt sich schliessen, dass der vor 2,5 Millionen Jahren ausgestorbene Purussaurus 12,5 Meter lang war. Den gigantischen Ausmassen entsprechend, war auch seine Beisskraft. Kann ein heutiges Krokodil mit der Kraft eines Autos zubeissen, langte der 8,4 Tonnen schwere Purussaurus fünf- mal heftiger zu – mit 69 039 Newton wie ein Tyrannosaurus Rex.

Die nahe Verwandtschaft zu den Vögeln zeigt sich am besten bei der Atmung. Wenn Säugetiere atmen, strömt die Atemluft auf dem selben Weg in die Lunge hinein wie aus ihr heraus. Bei den Krokodilen und den Vögeln zirkuliert der Luftstrom dagegen nur in eine Richtung. Im Gegensatz zu den Vögeln können die Krokodile den Rachen gegenüber der Luftröhre verschliessen. Deshalb kann das Krokodil sein Maul unter Wasser öffnen und gleichzeitig mit der Nase über der Wasseroberfläche atmen.

Menschliches Alter

Krokodile zeigen ein vielschichtiges Sozialverhalten. Dazu gehören neben der Kommunikation über Gesten wie das Schlagen des Wassers mit dem Kopf auch Körpergerüche und verschiedene Laute. Diese teilen sie sich mit den Vögeln. Die Krokodile lassen Luft durch eine schmale Öffnung der Stimmritze strömen. Solche Rufe sind schon aus der Eischale zu hören, in der die kleinen Krokodile wie Küken sitzen. Dank Schlüpfrufen öffnet die Mutter erst das Nest. Kaum geschlüpft, werden sie ins Wasser getragen, wo ihre Überlebenschancen allerdings gering sind. Gelingt ihnen das, können sie bis zu 70 Jahre alt werden.

Da bleibt die Frage: Warum haben die Krokodylier die Dinosaurier überlebt? «Da kommen wohl mehrere Faktoren zusammen», sagt Torsten Scheyer vom Paläontologischen Institut. Zum ersten seien die Krokodylier zur Zeit der Dinosaurier vielfältiger gewesen als die wenigen Arten, die heute noch existieren. Zudem hätten sie viele Lebensräume besiedelt. «Gewisse Linien aus der Grossgruppe der Krokodylier sind aber, genau wie die grossen Dinosaurier, zum Ende der Kreidezeit ausgestorben», sagt Scheyer.

Noch andere Überlebende

«Zum zweiten können Krokodylier sehr genügsam sein. Heute überdauern sie zum Beispiel längere Trockenperioden mit wenig Nahrung. Ausserdem sind viele Krokodylier sehr widerstandsfähig gegenüber Krankheiten und schweren Verletzungen», erklärt Scheyer. Zum dritten gebe es auch andere Reptilien und Amphibien, welche die Dinosaurier überlebt hätten, wie Schlangen, Schildkröten und Frösche. «Und auch die Vögel mit ihren 10 000 Arten, die sich aus einer Dinosaurier-Linie entwickelt haben.»

Ausstellung «Das Krokodil im Baum». Zoologisches Museum der Universität Zürich, bis am 31. Januar 2016

Ein Ticinosuchus: Urahne des Krokodils aus dem Tessin. (Bild: Kn.)

Ein Ticinosuchus: Urahne des Krokodils aus dem Tessin. (Bild: Kn.)