Der verräterische «Gefällt mir»-Button

Gar nicht harmlos: Der Facebook-Button gibt mehr Einblick in persönliche Vorlieben als den Nutzern bewusst ist.

Georg H. Przikling
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Manche Dinge gehen niemanden etwas an, weder offline noch online. Der Glaube etwa gehört dazu, die politische Gesinnung und natürlich das eigene Intimleben. Doch Obacht: Wer sich regelmässig bei Facebook tummelt und dort den «Gefällt mir»-Knopf drückt, könnte genau diese Informationen verraten.

Forscher der britischen Cambridge-Universität haben jetzt in einer Studie herausgefunden, dass der Klick auf den unscheinbaren Button nämlich mehr von einem verrät, als den meisten Usern lieb sein dürfte. Unter Leitung von Michal Kosinksi, dem geschäftsführenden Direktor des Psychometrischen Zentrums der Universität Cambridge, haben die Wissenschafter gemeinsam mit Microsoft-Forschern hierzu die Daten von 58 000 Facebook-Nutzern aus den USA ausgewertet. Die Probanden erklärten sich zudem bereit, den Forschern ihre «Gefällt mir»-Klicks, ihr demographisches Profil und weitere Informationen zur Verfügung zu stellen. Der Datenberg wurde schliesslich mit Hilfe von Computern ausgewertet.

Sexuelle Vorlieben

Überraschendes Ergebnis: Mittels Computeranalyse der «Gefällt mir»-Klicks lassen sich mit hoher Genauigkeit das Geschlecht, die ethnische Abstammung oder gar die sexuellen Vorlieben einer Person herausfinden. Bei der Frage etwa, ob eine Testperson Afro-Afrikaner oder Weisser ist, lagen die Wissenschafter aus Cambridge in 95 Prozent aller Fälle richtig. Das Geschlecht wiederum konnten sie per Computerunterstützung bei 88 Prozent der Teilnehmer bestimmen.

Die Auswertung brachte aber auch sensiblere Informationen an den Tag. Die Frage nach der politischen Gesinnung, Republikaner oder Demokraten – wurde bei 85 Prozent der Kandidaten richtig beantwortet; bei der Unterscheidung zwischen Christen und Moslems traf man in 82 Prozent aller Fälle voll ins Schwarze.

Schwer, Kontrolle zu behalten

Das Beklemmende daran: Die Erkenntnisse der Wissenschafter stammen nicht etwa von «Gefällt mir»-Klicks auf eindeutige Aussagen zu einem bestimmten Thema. Die Antwort auf sensible Fragen wie die, ob ein Testkandidat beispielsweise homosexuell oder heterosexuell ist, wurde vielmehr durch Auswerten unzähliger, scheinbar harmloser «Gefällt mir»-Klicks gefunden – etwa mittels Lieblingsmusik und bevorzugter TV-Sendungen.

«Ähnliche Voraussagen könnten mit jeder Art von digitalen Daten gemacht werden», erklärt Michal Kosinski von der Universität Cambridge. Angesichts der zahllosen digitalen Spuren, die Menschen hinterlassen, werde es für den Einzelnen immer schwerer, die Kontrolle zu behalten.

Kein Facebook-Hasser

Ein Facebook-Hasser ist Kosinski übrigens beileibe nicht, im Gegenteil: «Ich bin ein grosser Fan und aktiver Nutzer neuer Technologien, Facebook eingeschlossen», sagt er. «Ich kann mir jedoch Situationen vorstellen, in denen die gleichen Daten und Technologien dazu benutzt werden, um politische Ansichten oder sexuelle Orientierungen zu bestimmen, was unter Umständen die Freiheit oder gar das Leben bedroht.»