Der Traum von der Stille

Hüfthoch stand das Gras bereits, es war ein wundervolles Bild urbaner Wildnis, und am Morgen, wenn die Sonne zwischen den Bäumen hindurch mit silbernem Glanz über die blühenden Grashalme strich, war es besonders schön.

Beda Hanimann
Merken
Drucken
Teilen
Bild: Beda Hanimann

Bild: Beda Hanimann

Hüfthoch stand das Gras bereits, es war ein wundervolles Bild urbaner Wildnis, und am Morgen, wenn die Sonne zwischen den Bäumen hindurch mit silbernem Glanz über die blühenden Grashalme strich, war es besonders schön. Ich war also insgeheim nicht unglücklich, dass der Phantomgärtner seine Arbeit vernachlässigte.

Dann kam er doch noch. Nicht als Phantom während meiner Abwesenheit diesmal, sondern ganz real, als ich zu Hause sass. Bevor ich ihn sah, hörte ich ihn. Es war dieses unglaublich giftige, scharfe Sirren der Profimaschinen zum Schneiden von Wiesrändern. Da wurde mir bewusst, mit welch unglaublichem akustischem Brimborium wir unseren Gärten zu Leibe rücken. Schon ein simpler Amateur-Rasenmäher macht ja einen absolut unverhältnismässigen Lärm angesichts dessen, was er vollbringt.

Dass das Aufreissen einer Strasse mit Lärm einhergeht, das leuchtet ein. Aber Gartenarbeit? Der Garten ist doch der Inbegriff von Stille. Während Wochen treiben Gräser und Pflänzchen ihr Grün in die Höhe und in die Breite, unspektakulär und doch zielstrebig – und dann kommt der Mensch und setzt dem wundersam stummen Wachsen mit einer Dezibel-Orgie ein abruptes Ende.

Der Morgenspuk bestärkte mich im Vorhaben, es einmal selber zu probieren und eine Sense anzuschaffen. Nichts als das leise, gemächliche sss des Sensenblattes im weichen Gras! Und das Surren der Schwielen am Abend ist sicher beglückender als das Pfeifen im Ohr, das der Rasenmäher zurücklässt. Ach, es ist leicht träumen, wenn andere gerade wieder für einen die Arbeit erledigt haben.