Der Star des Advents

Er ist eine Diva, die sich rächt, wenn man sie nicht umsorgt: Dennoch werden in den Wochen vor dem grossen Fest in der Schweiz 2,5 Millionen Weihnachtssterne verkauft. In der Urform würde die Pflanze kaum in eine Stube passen.

Diana Bula
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Frech, trendy, stylisch: So inszeniert die Marketing- Initiative Stars for Europe den Weihnachtsstern, damit auch Junge zugreifen. (Bild: pd)

Frech, trendy, stylisch: So inszeniert die Marketing- Initiative Stars for Europe den Weihnachtsstern, damit auch Junge zugreifen. (Bild: pd)

In vielen Stuben steht er, der Weihnachtsstern, alle Jahre wieder, am gleichen Ort. Er protzt weder mit üppigen Blüten noch mit schnörkeligen Formen. Bescheidenheit und Zurückhaltung scheinen sein Ding zu sein. Doch der Eindruck täuscht.

VON WEIT WEG KOMMT ER HER.

Der Weihnachtsstern ist ein Südpflänzchen. Sein Zuhause ist in Mittel- und Südamerika. Dort fiel die Pflanze mit den feuerroten Blättern dem deutschen Naturforscher Alexander von Humboldt auf. 1804 brachte er sie nach Europa. Auch Joel Poinsett, der erste US-amerikanische Botschafter in Mexiko, kehrte 1828 damit heim – nach South Carolina. Er schenkte die Pflanze seinen Freunden, schickte sie an Gärtnereien. Ein Betreiber in Pennsylvania empfand dasselbe Glück wie Poinsett. Er begann, die Pflanze zu verkaufen.

EIGENTLICH IST ER EIN BUSCH.

Nicht immer schon steckte die Pflanze im Topf. In der Natur gedeiht sie als bis zu vier Meter hohes Gebüsch. Unterdessen hat es sich auf allen Kontinenten verbreitet. Auch in Bhutan, einem kleinen Königreich in Südasien, leuchtet der Weihnachtsstern am Strassenrand. Menschen, die bis anhin nichts von der Topfpflanze wissen wollten, sind plötzlich begeistert: «Wieder daheim, kaufe ich mir als erstes einen Weihnachtsstern.»

CHEMIKALIE HÄLT IHN KLEIN.

In der Natur hochgewachsen, im Topf schmächtig: Zucht macht das möglich. Den Grundstein dazu legte Albert Ecke, ein deutscher Auswanderer. Er baute Exemplare auf seiner Ranch in Kalifornien an, wartete mit Pflücken, bis sich die grünen Blätter in der Weihnachtszeit rot färbten. Dann schickte er seinen Sohn auf den Sunset Boulevard in Los Angeles, um die Schnittblumen zu verkaufen. Sie kamen gut an. Die beiden entschieden, noch mehr Felder anzulegen. Heute ist die Paul Ecke Ranch der weltgrösste Züchter. Nicht Ecke, sondern einem deutschen Zuchtbetrieb gelang es in den 50er-Jahren aber, den Weihnachtsstern auf Topfgrösse zu schrumpfen. Damit er klein bleibt, besprühen viele Produzenten ihn etwa mit Chlorcholinchlorid. Ein Stoff, der Stiele verkürzt. Berliner Forscher testen nun, ob sich der Einsatz des Mittels verringern lässt. Sie schütteln den Weihnachtsstern – und hoffen, dass «der mechanische Reiz das Wachstum hemmt».

BIO MACHT VOR IHM NICHT HALT.

Passt der gezüchtete Weihnachtsstern in eine Zeit, in der immer mehr Menschen bewusster leben? «Das muss kein Widerspruch sein», sagt Susanne Lux von der Marketinginitiative Stars for Europe. Es gebe Betriebe, die nach Bio-Richtlinien produzieren und keine Wachstumsregulatoren einsetzen. «Neue Züchtungen vertragen zudem niedrigere Temperaturen. Die Produzenten müssen weniger heizen», sagt Lux. In der Schweiz wachsen in 100 Betrieben Stecklinge heran, die in Afrika produziert worden sind. Sie decken 90 Prozent der Nachfrage ab. Der Rest wird importiert, etwa aus den Niederlanden.

VIEL WERBUNG UND COOLE NAMEN.

«Der Absatz von Zierpflanzen sinkt europaweit seit 2008», sagt Susanne Lux. Dem Weihnachtsstern ergeht es nicht anders. Trotz Marketinginitiative. Stars for Europe, wie sich die Vereinigung von vier grossen Herstellern (darunter die Schweizer Firma Syngenta) nennt, wirbt seit 2000 in 16 Ländern. Seit 2011 erhält sie EU-Fördermittel. Neben der Werbung sollen neue Sorten den Absatz ankurbeln. Der Weihnachtsstern ist schon lange nicht mehr nur rot, sondern apricot und pink, gesprenkelt und mit rundlicheren Blättern. Die Kreationen heissen Christmas Eve, Ice Punch oder Polar Bear. Manchmal beziehen sie sich auf die Jahreszeit, manchmal aufs Aussehen, manchmal ist alles Phantasie. Hauptsache englisch und international. Die Bemühungen gipfeln im Poinsettia Day. Die USA feiern ihn fleissig, wir noch nicht. Wer will: Am 12. Dezember ist es soweit.

DIE ÄLTEREN LIEBEN IHN.

62 Prozent der Weihnachtssternkäufer sind über 60 Jahre alt. Den Marketingmenschen gefällt das nicht, sie wollen die Schar der Anhänger verjüngen. Sie haben auf YouTube einen Kanal eingerichtet, wo man Dekoriertips erhält, sie posten Fotos auf Pinterest, einem Portal für schöne Dinge. Auf Werbebildern inszenieren sie den Weihnachtsstern so modern, wie es nur geht. Er hängt im Sky Planter von der Decke. Der umgedrehte Blumentopf wird in Blogs als «Pionier des Urban Gardenings» gepriesen. Einer Bewegung, die Betonstädte in grüne Oasen verwandeln soll – auch New York. Wenn das nicht hip macht.

GIFTIG ODER NICHT?

Die Topfpflanze gehört zu den Wolfsmilchgewächsen. Deren weisslicher Saft ist üblicherweise giftig. «Das trifft auf den wilden Weihnachtsstern zu, nicht auf die Züchtungen», sagt Lux und verweist auf eine Analyse der US-amerikanischen Vergiftungszentrale. Diese zeigt: Von 92 Kindern, die eine grössere Menge Weihnachtsstern gegessen hatten, musste kein einziges ärztlich behandelt werden. In der Dominikanischen Republik haben die Menschen keine Angst vor dem Weihnachtsstern: Sie legen ihn bei Menstruationsbeschwerden im Bereich des Unterleibs auf. Bei Stress brauen sie einen Trank damit. Nachahmen auf eigenes Risiko!

ER IST ZICKIG.

Der Weihnachtsstern ist pflegeleicht, sagen die Experten. Der Weihnachtsstern ist ein schwieriger Fall, sagt der Hobbygärtner. Es beginnt schon auf dem Heimweg. Die kälteempfindliche Pflanze will gut eingepackt sein, aber nicht zu fest. Sie mag es nicht zu nass, nicht zu trocken und schon gar keine Zugluft. Bekommt sie mehr als zwölf Stunden Licht, färbt sie ihre grünen Blätter gar nicht erst bunt. Der Weihnachtsstern benimmt sich wie eine Diva. Wer ihn mag, dem bereitet das Kummer. Wer ihn nicht mag, ist froh, dass Zuchtpflanzen anfällig sind.

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