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Der Segen des Wassers

Badeorte waren während Jahrhunderten Zentren des gesellschaftlichen Lebens. Heute müssen sie sich neu erfinden.
Beda Hanimann
Zukunftsvision: Mario Bottas Projekt für den neuen Bäderkomplex in Baden (Bildmitte). (Bild: pd)

Zukunftsvision: Mario Bottas Projekt für den neuen Bäderkomplex in Baden (Bildmitte). (Bild: pd)

Aus zwanzig Quellfassungen sprudeln in Baden täglich 800 000 bis 900 000 Liter Wasser. Stark schwefelhaltiges Thermalwasser mit einer Temperatur von 42 bis 45 Grad. Doch der grösste Teil davon fliesst ungenutzt in die Limmat. Das öffentliche Thermalbad ist seit Juni 2012 geschlossen, die Zukunft der traditionsreichen Bäderstadt ist ungewiss. In Baden gilt derzeit buchstäblich: Alles im Fluss.

Das war der Anlass für eine internationale Fachtagung, an der sich Archäologen, Historiker, Kulturingenieure, Tourismusfachleute und Marketingexperten mit der Geschichte und dem Potenzial der europäischen Badeorte befassten. Eingeladen hatte der 2012 gegründete Verein Archaeo Tourism, der Tagungen und Workshops zu Themen organisiert, welche Touristiker und Archäologen gleichermassen interessieren. Die Ergebnisse der dreitägigen Veranstaltung sind nun in einem Buch publiziert worden.

Römische Lebensart

Thermalquellen werden seit Jahrtausenden genutzt, den Grundstein zu einer eigentlichen Badekultur aber legten die Römer. Im Mittelmeerraum waren ihre Bäder schon früh religiöse Zentren, Orte des gesellschaftlichen Lebens und Pfeiler der Gesundheitsversorgung. Diesen Zweck hatten auch die Anlagen, welche die Römer in den nördlich der Alpen eroberten Gebieten errichteten. Sie dienten zuerst den dort stationierten Truppen und den römischen Siedlern. «An den heiligen Thermalquellen liessen sich aber auch die traditionellen religiösen Vorstellungen der einheimischen Bevölkerung mit römischen Kulten verbinden; hier konnten sich die Kaiser als Wohltäter präsentieren und hier liess sich römische Lebensart pflegen», schreibt Andrea Schaer in ihrem Beitrag.

Das Wasser im Ortsnamen

Mit der Errichtung von Badeanlagen gingen oft Ortsgründungen einher, wie bis heute zahlreiche Ortsnamen belegen. Neben dem aargauischen Baden verweist Fred Kaspar auch auf Orte wie Baden im Schwarzwald, Baden bei Wien, Wiesbaden, Badenweiler oder das westenglische Bath. Auch im Namen Aachen verbirgt sich das römische Wort Aqua. Erst im späten 19. Jahrhundert kam dagegen der Brauch auf, dass sich Orte mit Therapie- und Kureinrichtungen das Prädikat «Bad» voranstellten.

Die traditionellen Badeorte wurden schnell zu Zentren des gesellschaftlichen Lebens mit eigenständigen wirtschaftlichen, städtebaulichen und baulichen Strukturen, «am ehesten vergleichbar mit Wallfahrts- oder Messeorten», wie Kaspar ausführt. Zur typischen Infrastruktur gehörten neben Angeboten zur Unterkunft und Verpflegung vor allem Kurhäuser, Brunnenhäuser, Badehäuser, Trinkhallen, Konzertpavillons und Kurpärke.

Die Aura der Badeorte

Mit diesen Angeboten entwickelten die Badeorte eine eigene Strahlkraft. Es sei wohl kein Zufall, schreibt Kaspar, dass von 1415 bis 1712 die meisten Tagsatzungen der Eidgenossenschaft als Versammlung der Kantone nach Baden führten, «konnte man doch bei einem entspannten Treffen im Bad vieles auf informeller Ebene klären». Baden-Baden galt gar lange als Sommerhauptstadt Europas, wo sich traf, was Rang und Namen hatte.

Die Präsenz von Ortsnamen wie Marienbad oder Karlsbad in vielen Künstlerbiographien zeigt, welche Bedeutung die Badeorte im gesellschaftlichen und kulturellen Leben Europas hatten. Deshalb ist es auch nicht überraschend, dass die grossen Umwälzungen mit den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert für viele traditionelle Badeorte einen Wendepunkt darstellten.

Bekenntnis zur Geschichte

Die seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wieder wachsende Bedeutung des Gesundheits- und Wellnesstourismus kommt auch den noch bestehenden alten Badeorten entgegen. Allerdings hat er mit der modernen Wellnesshotellerie auch eine neue Konkurrenz mit sich gebracht. Das ist die Herausforderung, die am ehesten gemeistert werden kann, so das Fazit der Badener Tagung, indem zur Modernisierung das Bekenntnis zur Geschichte kommt.

Historische Tiefe als Alleinstellungsmerkmal gegenüber den beliebig hingepflanzten Wellnesshotels, das zeigt sich etwa in Bath, wo die verfallenen römischen Bäder erneuert und mit modernsten Anlagen kombiniert wurden. Und es ist das Modell für Baden, wo bis 2018 ein neuer Bäderkomplex von Mario Botta realisiert werden soll. Die Zeichen stehen gut. Letzte Woche ist die Einsprachefrist für das ambitionierte Projekt abgelaufen.

Cynthia Dunning, Annemarie Willems (Hrsg.): Badekultur – Bains, Verlag Hier und jetzt 2016, 136 S., Fr. 24.–

1. und 21. Jahrhundert vereint: Neue Anlage in der alten Bäderstadt Bath im Westen Englands. (Bild aus: «Badekultur», Verlag Hier und jetzt)

1. und 21. Jahrhundert vereint: Neue Anlage in der alten Bäderstadt Bath im Westen Englands. (Bild aus: «Badekultur», Verlag Hier und jetzt)

Sakrale Note: Die 1876 erstellte Trinkhalle des Kurhauses Tarasp. (Bild aus: «Badekultur», Verlag Hier und jetzt)

Sakrale Note: Die 1876 erstellte Trinkhalle des Kurhauses Tarasp. (Bild aus: «Badekultur», Verlag Hier und jetzt)

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