Der Rollstuhl tanzt mit

Lebensfreude Für ein paar Stunden den schwierigen Alltag vergessen und sich beim Tanzen körperlich und geistig fordern: Dieses Ziel verfolgt die St. Galler Tanzlehrerin Irene Gasser mit ihren Rollstuhl-Tanzkursen. Yvonne Forster

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Herausforderung für beide: Sanft, aber bestimmt führt Irene Gasser die Rollstuhltänzerin zur Musik. (Bild: Hanspeter Schiess)

Herausforderung für beide: Sanft, aber bestimmt führt Irene Gasser die Rollstuhltänzerin zur Musik. (Bild: Hanspeter Schiess)

Eine Rumba-Melodie erklingt im Saal des Tanzzentrums Haggen in St. Gallen. Die Kursleiterin Irene Gasser macht einen Schritt nach vorne, einen zurück. Dann ergreift sie mit einer Hand die Rechte der Rollstuhltänzerin Yvonne Schiess. Diese bewegt mit der linken Hand das Rad und dreht sich samt Rollstuhl um sich selbst. Beschwingt wippt sie dabei mit ihrem Oberkörper im Takt der Melodie.

Die Behinderte strahlt trotz Konzentration. «Es ist schön, das machen zu können, was andere auch tun.» Mit den anderen meint sie die Menschen, die normal gehen und tanzen können und nicht an den Rollstuhl gefesselt sind. «Es gibt im Tanzkurs keine Opfer-Helfer-Situation und auch kein Mitleid. Hier zählt nur die gemeinsame Freude an den Rhythmen», sagt die Kursleiterin.

Hemmschwellen überwinden

Alles sieht so leicht aus, wenn sich Yvonne Schiess und Irene Gasser zur Musik bewegen. Einfach ist es aber überhaupt nicht, stelle ich wenig später fest, als ich mich selbst als Tanzpartnerin engagiere. «Fussgänger» nennt man diese Rolle im Gegensatz zum Rollstuhltänzer, der auf Rädern tanzt.

«Vorsicht, der Zug der Arme ist wichtig», mahnt sie. «Nicht jeder Behinderte hat gleich viel Kraft.» Nach ein paar vergeblichen Versuchen, mich im Takt zu bewegen und gleichzeitig meine Rollstuhlpartnerin sanft, aber unmissverständlich zu schieben und zu ziehen, gebe ich auf.

«Beim Tanzen kann ich mit anderen Menschen ohne Hemmschwellen kommunizieren», sagt Yvonne Schiess. Spina Bifida hat die heute 23-Jährige an den Rollstuhl gebunden. Sie weiss, wie gross die Widerstände gegenüber Behinderten oft sind und wie kompliziert es ist, von ihrer Wohnung in Herisau mit Zug und Bus nach St. Gallen zu fahren, wo sie als Büroangestellte arbeitet.

Auf Anhieb begeistert

Im letzten Sommer hat Yvonne Schiess erstmals an einem Workshop für Rollstuhltanzen teilgenommen und war auf Anhieb begeistert. «Beim Tanzen habe ich eine körperliche und seelische Herausforderung gefunden.»

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Elena organisiert Yvonne Schiess in St. Gallen sporadisch Rollstuhl-Tanzabende. «Wir hätten Spass, mal an einem Wettbewerb mitzumachen», sagt Elena, die wegen einer vererblichen Muskeldystrophie eines Tages vom Rollstuhl abhängig wurde. Sie arbeitet heute in der Buchhaltung einer Weinhandlung. Früher sei sie sehr sportlich gewesen, habe Hip-Hop getanzt und Badminton gespielt. «Als ich erfuhr, dass man auch als Behinderte tanzen kann, habe ich mich sofort bei Irene Gasser gemeldet. Das Schöne ist, dass gewisse Bewegungen, die man im Rollstuhl nicht mehr macht, die Muskeln lockern», sagt Elena. Vielen ergänze das Tanzen die Physiotherapie, weil der Körper mobilisiert werde. «Zudem wird durch die bewusst aufrechte Haltung die ganze Rumpfmuskulatur beansprucht», ergänzt die Tanzlehrerin.

Von Jive bis Tango

Im Tanzkurs ist die Gruppe beim Cha-Cha-Cha angekommen. Später ist der Jive an der Reihe, eine Form von Rock'n'Roll. Getanzt werden aber auch Walzer, Tango, Disco-Fox und Samba. Irene Gasser zeigt zuerst den «Fussgängern» die einzelnen Grundschritte, dann werden diese gemeinsam mit den Rollstuhltänzern einstudiert.

«Der Fussgänger-Part ist recht anstrengend und fordert volle Aufmerksamkeit. Die Grundschritte aus den Gesellschaftstänzen wurden so angepasst, dass sich die Füsse und Räder nicht in die Quere kommen», sagt Irene Gasser. Man dürfe den behinderten Partner nicht grob herumreissen, sondern müsse die Arme sanft halten und führen. «Es ist immer ein Miteinander, das sollen beide Teilnehmer deutlich spüren.»

Vor fünf Jahren entdeckt

2007 hat Irene Gasser erstmals Rollstuhltanzen in der Schweiz angeboten. «Entdeckt habe ich es in Hamburg und war sofort überzeugt davon, so dass ich mich auf diesem Gebiet weiterbildete», sagt die ehemalige Balletttänzerin. Seit 1985 ist die St. Gallerin Ballettlehrerin für Erwachsene und Kinder und international diplomierte Tanzlehrerin.

Auf ihr erstes Inserat in der Multiple-Sklerose-Zeitschrift «Forte» meldete sich die MS-Gesellschaft und buchte einen Wochenendkurs. Eines Tages rief Heidi Kesselring an, eine MS-Betroffene und seit Jahren eine begeisterte Rollstuhltänzerin. Sie stellte sich spontan zur Verfügung, weitere Gruppentanzkurse zu organisieren. Dank ihr wurden die «Dancing Wheels» gegründet. Sie finden alle 14 Tage unter der Leitung von Irene Gasser im Alterszentrum Effretikon statt.

«Dancing Wheels»

Sylvia Fader aus Zürich ist seit über einem Jahr als Fussgängerin bei den «Dancing Wheels» dabei. «Als ich in der Fernsehsendung <Puls> einen Bericht über die Rollstuhltanzkurse sah, war ich zu Tränen gerührt. Ich bin eine leidenschaftliche Tänzerin. Beim Anblick der glücklichen Gesichter habe ich sofort gewusst, dass ich an den Kursen als Fussgängerin mitmachen wollte.»

Die körperliche Anstrengung, aber auch die Konzentration, die es brauche, um die verschiedenen Tanzschritte im Kopf zu behalten, würden sie recht fordern. «Aber den Behinderten tut es gut, für ein paar Stunden mit Nicht-Rollstuhlmenschen zusammen zu sein und aus ihrem oft einsamen Leben herauszukommen.» Früher habe sie Behinderte immer bemitleidet, weil sie so hilflos schienen. «Heute weiss ich, dass sie fast alles mitmachen können. Es ist nur etwas komplizierter.»

Lösung für St. Gallen gesucht

Irene Gasser möchte die beliebten Kurse von Effretikon auch in St. Gallen öfter anbieten: «Für viele Behinderte sind jedoch 20 Franken für eine Doppelstunde oder 50 Franken für einen Wochenendkurs recht teuer. In Effretikon werden Kurskosten und Saalmiete teilweise von der MS-Gesellschaft getragen.

Zwar kommen in St. Gallen der Besitzer des Tanzzentrums und die Tanzlehrerin den Teilnehmern ebenfalls im Preis entgegen. «Wir streben aber eine dauerhafte finanzielle und organisatorische Unterstützung an, damit die Kurse regelmässig stattfinden können.»