Der Rössligraben

Das Buch heisst «Fleisches Lust» und erhebt den Anspruch, sich «ausführlich und umfassend dem Thema Fleisch» zu widmen. Das Pferd allerdings kommt darin nicht vor. Das wird verständlich, wenn man weiss, dass das Buch in einem deutschen Verlag erschienen ist.

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Das Buch heisst «Fleisches Lust» und erhebt den Anspruch, sich «ausführlich und umfassend dem Thema Fleisch» zu widmen. Das Pferd allerdings kommt darin nicht vor. Das wird verständlich, wenn man weiss, dass das Buch in einem deutschen Verlag erschienen ist. Die Haltung gegenüber dem Verzehr von Pferdefleisch ist von Land zu Land verschieden. In romanischen Ländern gilt es als delikate Alternative für Kenner, in germanischen Ländern ist es vielerorts tabu. Das dürfte die Aufregung in Grossbritannien über die Falschdeklaration hinaus erst richtig angestachelt haben.

Altes Nahrungsmittel

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Pferdefleisch gehörte schon früh zu den wichtigsten Nahrungsmitteln der Menschheit. Pferde waren beliebte Beutetiere der eiszeitlichen Jäger, auch auf frühen Höhlenmalereien spielen sie eine Rolle. Bei den antiken Völkern wie Persern, Griechen und Römern gehörte Pferdefleisch auf den Speisezettel, ebenso bei den Kelten und Germanen. Dass das Pferd Nutztier war und gleichzeitig Fleischlieferant sein konnte, war nie ein Widerspruch. Auch die grossen Reitervölker wie die Hunnen, Mongolen und Indianer assen Pferdefleisch.

Eine Wende brachte das Jahr 732, als Papst Gregor III. ein Verbot erliess, Pferdefleisch zu essen. Ob es gegen Kultpraktiken der heidnischen Germanen gerichtet war oder den Bestand an Streitrössern sichern helfen sollte, ist ungewiss.

Renaissance in Frankreich

Sicher ist: In der Folge blieb der Konsum von Pferdefleisch im christlichen Abendland lange ein Tabu. Erst im 19. Jahrhundert wurde das Verbot in Frankreich zunehmend hinterfragt. Es spreche nichts dagegen, der ärmeren Bevölkerungsschicht damit eine neue hochwertige Nahrungsquelle zu erschliessen, wurde argumentiert. Zudem erlaube es die Nachfrage nach dem Fleisch, die Kutschenpferde in den Grossstädten zu verkaufen, bevor sie unter der Last ihrer Arbeit elend zugrunde gingen. Die Entwicklung griff auf andere lateinische Länder über, während die Bevölkerung in den germanischen Ländern zurückhaltend blieb.

Rang 5 in der Fleischhitparade

Im Kleinen zeigt sich dieser Rössligraben auch in der Schweiz; in der Westschweiz und im Tessin setzte sich Pferdefleisch eher durch als in der Deutschschweiz. Der grosse Boom wurde es allerdings nie. Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Konsum von 0,68 Kilogramm liegt Pferdefleisch in der Schweiz auf Rang 5, noch hinter Schaffleisch (1,24 kg). Und um Welten hinter dem Spitzenreiter Schwein, von dem jährlich fast 25 Kilogramm auf den Tisch jedes Essers kommen. «Der Konsum beschränkt sich auf ein kleines (aber durchaus anspruchsvolles) Publikum», schreibt der Branchenverband Proviande in seinem Buch «Das Fleisch». Beda Hanimann