Der neue Boulevard und seine Gefahren

Ringier steigt ins Unterhaltungsgeschäft ein – und gefährdet damit nach Ansicht des Soziologen Kurt Imhof die Glaubwürdigkeit seiner Medien.

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Michael Ringier – hier vor einem Kunstwerk im Konzern-Gebäude – reagiert auf Kritik an seiner Strategie empfindlich. (Bild: ky/Walter Bieri)

Michael Ringier – hier vor einem Kunstwerk im Konzern-Gebäude – reagiert auf Kritik an seiner Strategie empfindlich. (Bild: ky/Walter Bieri)

Es sind keine guten Zeiten für Ringier. Sein Schweizer Flaggschiff «Blick» hat 8,3 Prozent an Auflage verloren – mehr als jede andere Tageszeitung. Auch finanziell ist das vergangene Jahr kein gutes gewesen. Der Umsatz sank um neun Prozent auf 1,147 Milliarden Franken, der Gewinn brach von 61,7 Millionen Franken auf nur noch 22,8 Millionen ein. Und auf die Frage, wie denn die Geschäfte aktuell laufen, antwortet die Ringier-Pressestelle mit dem Hinweis auf die Übernahme diverser Online-Portale. Ob sich so tatsächlich Geld verdienen lässt?

Hinzu kommt jene Kritik, die etwa der bekannte Publizist Karl Lüönd formuliert hat. Ringier kreiere eigene Events, um diese dann mit «journalistischen Gefälligkeitsproduktionen» zu begleiten, erklärte er in «10 vor 10» – und handelte sich einen ungewohnt heftigen Brief von Verleger Michael Ringier ein.

Was «Ringier Entertainment» tut

Es kommt in dieser Reaktion eine Empfindlichkeit zum Ausdruck, die sonst für Michael Ringier nicht typisch ist. Im Zentrum steht ein – je nach Betrachtungsweise – heilsamer oder heikler Strategiewechsel von Ringier. Auf der Suche nach neuen Erwerbsquellen hat das Unternehmen die Unterhaltungsbranche entdeckt, Ringier Entertainment heisst das jüngste Kind des Medienkonzerns, der in acht Ländern 120 Zeitungen und Magazine herausgibt. Die Sparte umfasst Radiostationen (Radio Energy), die Organisation von Grossanlässen wie Konzerten (Good News Concerts AG, Starclick Entertainment) oder Fashion-Shows bis hin zur Produktion von Fernsehsendungen und dem Ticketverkauf (Ticketcorner). Ausserdem werden Sportler und ganze Sportanlässe (Infront Ringier) sowie Stars aus den Bereichen Unterhaltung, Film, Mode, Musik (Pool Position) vermarktet. Zum Umsatz trug Ringier Entertainment 2011 zwölf Prozent bei, das digitale Geschäft 23 und das Publishing-Geschäft 65 Prozent.

Wenn Marianne Cathomen heiratet

Ringier will jene Nähe zwischen dem Unterhaltungsgeschäft und der Verlags- und Medienwelt nutzen, die seit jeher besteht. Wie das geht, hat an einem besonders krassen Fall die «NZZ am Sonntag» beschrieben. Als an Weihnachten 2008 die Schlagersängerin Marianne Cathomen ihrem Partner Markus Siegler auf den Seychellen das Ja-Wort gab, berichtete der «Sonntags-Blick» in einer dreiteiligen Serie, im Gegenzug bezahlte das Paar für seine Hochzeit keinen Rappen. Die Reise wurde von Ringier organisiert und von einem halben Dutzend Sponsoren finanziert – die von den Ringier-Medien wiederum gelobt wurden. Ein anderer Fall: Pool Position hat Lara Gut unter Vertrag. Seit dies der Fall ist, fuhr sie nicht besser Ski als andere, «aber auf dem Boulevard fuhr sie besser», schreibt die «NZZ am Sonntag».

Dass «das Problem der Nähe grundsätzlich vorhanden ist», will Marc Walder nicht bestreiten. Der Ringier-CEO gilt als treibende Kraft hinter der neuen Strategie. Er betont gegenüber der «NZZ am Sonntag», es gebe keine Zusicherungen an die Kunden von Pool Position. «Unsere Redaktionen agieren publizistisch unabhängig», streicht auch die Ringier-Pressestelle heraus. Die Frage ist nur, was geschieht, wenn diese Redaktionen die Ringier-Kunden links liegen lassen.

Der Soziologe Kurt Imhof jedenfalls sagt: «Wenn man die Betreuten in Pool Position erfassen könnte, liesse es sich umfassend zeigen: Es gibt eine überdurchschnittlich intensive Berichterstattung über jene Prominenten, von denen bekannt ist, dass sie von Pool Position vermarktet werden», erklärt der Herausgeber des Jahrbuchs «Qualität der Medien». «Das heisst: Man erzeugt Aufmerksamkeit für die eigenen Geschäfte jenseits des Publizistischen. Und unterläuft damit die Unabhängigkeit der Redaktionen.»

Imhof: Wie man zu Geld kommt

Im Hintergrund steht die simple ökonomische Tatsache, dass mit den Medien immer schwerer Geld zu verdienen ist. «Es gibt verschiedene Wege, hier einen Ausgleich zu schaffen», sagt Imhof. «Man kann wie Ringier aussermediale Wertschöpfungsketten erzeugen und eigene Medienereignisse produzieren.» Das mache auch die NZZ-Gruppe mit ihrer Wirtschaftsplattform Equity – «auch da werden gesponserte Events geschaffen, über die man nachher breit berichtet».

Das andere Modell sei «das TagesAnzeiger»-Skalenmodell: Es strebt nach möglichst hoher Konzentration, um die journalistischen Inhalte dann möglichst breit verteilen zu können.» Bei einem dritten Modell – Imhof nennt «Basler Zeitung», «Weltwoche» und die Lega-Zeitung – würden kränkelnde Objekte aus politischen Gründen ausgekauft. Hier ist Rendite zweitrangig. Rolf App

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