Der neue Alte

Wohnen Lange stand das Taburett versteckt und unauffällig unter dem Küchentisch. Nun wagt es sich wieder hervor – als variantenreicher Hocker, der jedoch nur noch selten seinen ursprünglichen Zweck erfüllt. Diana Bula

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dbu - Hocker

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Es ist immer dagewesen in Grossvaters Küche, gesehen hat man es dennoch selten: Das Taburett, die Beine aus Holz, weiss bemalt, mit einigen Fletschen dran, die Sitzfläche grün. Meist stand es unter dem Tisch, verborgen durch ein Tuch. War Not an Stühlen, kam es hervor und verschwand gleich wieder unter einem Hintern. Waren genug Sitzgelegenheiten vorhanden, blieb es, wo es war. Das Taburettli buhlte nie um Aufmerksamkeit. Stets überliess es sie Tisch, Stuhl und Bank.

Taburett will nun doch mehr

Nun aber tritt das Taburettli aus dem Schatten von Tisch, Stuhl und Bank. Allerdings oft unter anderem Namen. Von Hockern ist neu die Rede. Das Wort «Taburett», ist im Duden zu lesen, ziemt sich lediglich noch im Schweizerischen und ist «ansonsten veraltet». Anders als das alte Taburettli, steht der Hocker nicht mehr unter dem Küchentisch sondern im Wohn- und Schlafzimmer, auf der Terrasse, im Entrée und manchmal sogar im Bad. Aus Magazinen und Büchern, die sich um das Thema Wohnen drehen, ist er nicht mehr wegzudenken. Und hat man in Möbelhäusern in den vergangenen Jahren oft lange und vergeblich nach einem wohlgeformten Modell gesucht, so muss man sich nun plötzlich entscheiden: Zwischen Hockern in Industriedesign, Schemeln mit marokkanischem Einschlag, Taburetts, die nigelnagelneu sind, aber gebraucht aussehen, und solchen, die Design-Klassikern nachempfunden sind.

Während Einrichtungshäuser die Auferstehung des Taburetts feiern, geben sich Designer dem simpelsten aller Stühle seit jeher hin. Zu den wohl bekanntesten Entwürfen zählt der «Stool» des finnischen Architekten Alvar Aalto. Der dreibeinige Hocker mit den gebogenen Holzbeinen entstand in den 1930er-Jahren. Noch heute ist er beliebt. Und so erstaunt es nicht, dass ein ähnliches (vierbeiniges) Modell bei Ikea zu den Bestsellern gehört, wie es auf Anfrage heisst.

Preis nach 15 Jahren

Auch der Rheintaler Schreiner Heinz Baumann ist dem Charme des Taburetts verfallen. In der Küche seiner Grosseltern fiel dem heute 56-Jährigen das Möbelstück erstmals auf, als Jugendlicher erstand er dann für ein paar Franken auf einem Flohmarkt ein eigenes Taburettli. Neben diesem Schemel stehen in Baumanns Wohnung unterdessen zwei weitere. Er hat sie selber gemacht – und verkauft sie auch. 1995 entwarf der Inhaber der Möbelmanufaktur in Heerbrugg ein Modell mit nach oben gewölbter Sitzfläche. Die Form mutet fremdländisch an, das Holz schweizerisch. «Ich bin jedes Jahr in Marokko unterwegs und kehre mit Ideen zurück, die es dann mit der unsrigen Kultur zu verbinden gilt», sagt der Schreiner. So entstand «Luxor», 1998 folgte «Taburett». Das war vor 15 Jahren, vor wenigen Wochen erst erhielt Baumann dafür an der Design-Messe Blickfang in Basel jedoch die Silbermedaille.

«Wer bei mir Möbel kauft, beginnt oft mit einem Taburettli, geht später zu Stühlen, vielleicht sogar zu einem Tisch über», sagt Baumann. Der Hocker, ein idealer Einsteiger – nicht nur für Käufer, auch für die Macher. Zwar müssen sie, wie bei richtigen Stühlen, auf die Statik achten. Doch die Ergonomie sei vernachlässigbar, heisst es. Eine Rückenlehne existiere schliesslich nicht.

Studenten als Jungdesigner

So hofft auch der Frauenfelder Adrian Beerli, dass ihm mit einem Hocker der Einstieg ins Möbelgeschäft gelingt. Der 31-Jährige studiert an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel Innenarchitektur und Szenographie im vierten Semester. Mit einem Mitstudenten, dem Zürcher Stefan Waser, hat er vergangenes Jahr im Auftrag der Fachhochschule für das Theaterfestival in Basel eine «ungewöhnliche Sitzlandschaft» geschaffen: Die beiden bauten Dachlatten aus Fichtenholz zusammen, übergaben sie für einen geringen Betrag den Besuchern. Bevor diese Platz nehmen konnten, mussten sie den Stuhl selber zusammenschrauben.

Das kam gut an. So gut, dass die 250 Stühle vor Festivalende ausverkauft waren. Beerli und Waser überarbeiteten den Entwurf. Die Form blieb: eine dreieckige, gegen innen geneigte Sitzfläche, spitz zulaufende Beine. Die Studenten entschieden sich jedoch für ein hochwertigeres Holz, verleimten die Elemente statt sie zu verschrauben. «Die erste Serie à 15 Stück ist verkauft, von der zweiten sind noch drei Hocker übrig», sagt Beerli von Steadifurniture.

Nichts für Bequeme

Auch wenn das Taburettli wieder vermehrt den Weg in die Wohnungen findet: Ein unerwarteter Gast setzt sich vielleicht darauf, wir aber tun das selten. «Der Hocker ist eine Sitzgelegenheit für Sportliche, er beansprucht die Muskeln», sagt Schreiner Heinz Baumann. Ein paar Minuten mag man sich zusammenreissen, auf seine Haltung achten. Ist jemandem hingegen nach Entspannung oder einem Glas Wein, wählt er den Fauteuil oder den Stuhl mit Lehne.

Ohnehin stapeln sich auf dem Taburett wohl gerade Zeitungen, liegen dort Schal oder Schlüsselbund. «Der Schemel dient immer häufiger als Ablage und weniger als Stuhl. Er ist zum Universalmöbel geworden, er kommt fast überall zum Einsatz», sagt Nicole Kind, Co-Leiterin des Bachelor-Lehrgangs Industrial Design an der Zürcher Hochschule der Künste. So macht sich ein Schemel vor dem Büchergestell gut, als Eyecatcher. Aber auch als Leiter-Ersatz, wenn man an eines der Werke gelangen will. Im Bad hält er Tücher bereit, neben der Couch oder im Garten den Tee.

Das Taburett der Grosseltern noch bot unter der Sitzfläche Stauraum für Schuhputzmittel. Eben diesen Vorzug greifen Designer wieder auf: Samuel Coendet vom Atelier Volvox in Zürich etwa lässt eine Kiste die Beine seines «Tabourré» hinuntergleiten. Darin findet auch anderes Platz als die Utensilien, die schmutzige Treter wieder zum Glänzen bringen.

Ein bisschen Vietnam

Handlich, klein und doch robust, ein Fast-Alles-Könner, der an die Vorfahren erinnert: «Vielleicht berührt das Taburett deshalb», sagt Schreiner Heinz Baumann. Stühle braucht es an einem Tisch meist vier, ein Hocker aber reicht aus: Da bleibt im Portemonnaie mehr Geld übrig. Auch den verbreiteten Ethno-Wohnstil sieht Baumann als Grund für das Revival. Der Reisende kennt Hocker aus Kenia und anderen fernen Ländern. In Vietnam sitzt er mit Einheimischen zusammen – auf Schemeln, so tief, dass die Knie bis zur Brust reichen. Zuhause erinnert das Taburett an das Erlebte, wird zu einem Mitbringsel mit Geschichte. Wer nicht wegkommt, kauft die Exotik in Schweizer Möbelhäusern ein.

Kommt hinzu: Was retro ist, ist in. Das gilt auch für den Schemel, den man aus Grossvaters Küche kennt. Nur schade, dass die Regel nicht bei der Bezeichnung ansetzt. «Taburettli», das hört sich doch viel schöner an als «Hocker».

Fast wie vom Designer: Frosta von Ikea, Birkenfurnier, Fr. 14.95.

Fast wie vom Designer: Frosta von Ikea, Birkenfurnier, Fr. 14.95.

Von Studenten: BW36 von Steadifurniture, Nussbaumholz, 330 Fr.

Von Studenten: BW36 von Steadifurniture, Nussbaumholz, 330 Fr.

Mit Kiste: Tabourré von Atelier Volvox, Birkenfurnier/Buche, 137 Fr.

Mit Kiste: Tabourré von Atelier Volvox, Birkenfurnier/Buche, 137 Fr.

Im Ethno-Stil: Glasperlen-Hocker von Coté West Living, 1800 Fr. (Bilder: pd)

Im Ethno-Stil: Glasperlen-Hocker von Coté West Living, 1800 Fr. (Bilder: pd)