Der Nerz fischt früher

Konkurrierende Marder In Patagonien, wo amerikanische Nerze auf Otter treffen, ändern sie ihren Lebensrhythmus.

Kai Althoetmar
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American Mink 1 month. Black puppy on a white background (Bild: FotoJagodka (33795105))

American Mink 1 month. Black puppy on a white background (Bild: FotoJagodka (33795105))

Wenn verschiedene Raubtierarten dasselbe Revier teilen, geht das nicht immer gut. In Ostafrika dezimieren Löwen und Hyänen Geparden-Bestände, in Russlands Amur-Region enden für Braunbären Begegnungen mit Sibirischen Tigern zuweilen tödlich.

Kaum anders ist es mit Nerz und Fischotter. Wo beide Arten aufeinandertreffen, gibt es oft Attacken und Vertreibung. Selbst Namensverwandte können sich gegenseitig verdrängen. Aus Europa weiss man, dass der eingebürgerte Amerikanische Nerz dem angestammten Europäischen Nerz zusetzt – ein fragwürdiger Verdienst romantischer Tierfreunde, die in Deutschland Nordamerika-Nerze aus Pelztierfarmen Richtung Wälder befreit haben.

Tag- statt nachtaktiv geworden

In den Fjordlandschaften vor der Küste Patagoniens hat sich der Neovison vison, der Amerikanische Mink, durch menschliche Einbürgerung schon länger breitgemacht. Seinem dortigen Konkurrenten Lontra provocax, dem Südlichen Flussotter, ist er aber unterlegen.

Zu welchem Arrangement die schwächere Art fähig ist, entdeckte ein Forscherteam, das im Süden Chiles das Zusammenleben von Otter und Nerz studierte. Die Wissenschafter um Gonzalo Medina-Vogel von der Universidad Andres Bello in Santiago de Chile fanden heraus, dass der Nerz seinen Tagesrhythmus ändert, um dem Otter aus dem Weg zu gehen («Journal of Zoology», Band 290, S. 27, 2013). In den Meeresbuchten vor Chiles Küste ist der Mink ungewöhnlich tagaktiv, während die Art sonst eher dämmerungs- und nachtaktiv ist. Auch Südliche Flussotter jagen vor allem in Nacht und Dämmerung.

Die Forscher hatten Otter und Nerze zuvor eingefangen und mit Halsbandsendern versehen. Zugleich suchten die Biologen die Reviere zu Fuss und per Boot nach den Tieren ab. Untersucht wurden hauptsächlich Habitate in Meeresbuchten, wo beide Arten leben. Zum Vergleich wurden Nerze an einem Fluss im Landesinneren beobachtet, wo keine Otter leben. Das Ergebnis dort: Die Nerze hatten den normalen Lebensrhythmus beibehalten.

Wo sich Reviere überlappen

Beobachtungen untermauerten den Befund der Radiotelemetrie: Wo der Nerz in den Fjordgewässern auf einen Flussotter traf, floh er wie die Katze vor dem Hund. Gonzalo Medina-Vogel hält es für möglich, dass Otter dem Zugang des Minks zu verschiedenen Lebensräumen Grenzen setzen. Generell bevorzugt der Nerz an der Küste glatte Kiesflächen, der Otter mag es felsig und zerklüftet. Abwechslungsreiche Habitate behagen beiden. Vor allem dort überlappen sich ihre Reviere. Auch ihre Fressvorlieben ähneln sich: Beide Marderarten tauchen nach Fischen und Krebstieren. Nur im Landesinneren jagen Nerze vor allem Kleinnager. Wo der Nerz auf den Otter trifft, verbreitert er sein Nahrungsspektrum, stellten die Forscher fest. Die Studie zeigt, dass einander feindliche Arten koexistieren können, wenn sie den Lebensraum auf verschiedene Weise nutzen. Statt räumlich auszuweichen, sei eine Veränderung des Tagesrhythmus ein Weg, mit stärkeren Konkurrenten auf gleichem Raum zu leben, so Wissenschafter Medina-Vogel.