Der Kampf um die Ferien

Ferien sind zur Selbstverständlichkeit in der Arbeitswelt geworden, wie auch die Ferienmesse St. Gallen zeigt, die Ende Woche stattfindet. Doch die Ferien mussten erstritten werden – bevor sie zur nationalen Pflicht wurden.

Beda Hanimann
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Ferien werden zum internationalen Geschäft: Ab 1954 organisierte «Hotelplan» von Zürich, Basel und Bern aus Badezüge an die Riviera und an die Adria. (Bild: ky/Photopress)

Ferien werden zum internationalen Geschäft: Ab 1954 organisierte «Hotelplan» von Zürich, Basel und Bern aus Badezüge an die Riviera und an die Adria. (Bild: ky/Photopress)

Ferien verlangsamen die Abnützung der Arbeitskraft. Ferien machen auch während der Arbeit frisch. Ferien geben Arbeitsfreude. Ferien sind ein Segen für den Arbeiter und den Angestellten: Was sich aus heutiger Warte anhört wie eine banale Litanei des Selbstverständlichen, war vor hundert Jahren genau das Gegenteil: Ein engagierter Aufruf, die Arbeitswelt neu zu denken.

Sein Verfasser, der Basler Ökonom und Politiker Marius Fallet-Scheurer, hatte 1912 die erste umfassende Studie über «Arbeiter- und Angestellten-Urlaube» erstellt. Die Zahlen aus dem Jahr 1910, die ihm zur Verfügung standen, sprechen eine deutliche Sprache: Von 328 841 erfassten Industriearbeitern hatten nur 26 158 bezahlte Ferien bezogen, die Hälfte davon weniger als sieben Tage. In anderen Branchen lag der Anteil der Ferienbezüger noch tiefer, auf dem Bau zum Beispiel bei 0,12 Prozent.

Ferien als Fremdwort

Der Begriff Ferien, vom lateinischen feriae = Festtag abgeleitet, war in der Schweiz bis ins 19. Jahrhundert ein Fremdwort. Wenn St. Moritz und Davos dieses Jahr das 150-Jahr-Jubiläum des Wintertourismus feiern, ist das also kein Indiz, dass die Schweiz schon früh eine ferien- und reiseverrückte Nation war. Der Tourismusboom der frühen Jahre und Fallet-Scheurers Zahlen belegen viel mehr die Existenz einer Parallelgesellschaft. Die Reise- und Infrastruktur wurde von begüterten Ausländern in Schwung gehalten, während der Durchschnittsschweizer weder Zeit noch Geld hatte, sich fern von zu Hause von der Arbeit zu erholen.

Erste Forderungen nach Ferien wurden im Zuge der Mechanisierung der Arbeitswelt laut. In ihrer Dissertation beleuchtete die Historikerin Beatrice Schumacher «Interpretationen und Popularisierung eines Bedürfnisses», im «Historischen Lexikon der Schweiz» fasst sie zusammen: «Die Geschichte der Ferien ist eng verknüpft mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, vor allem durch die Veränderung der Produktions- und Arbeitsweisen und die Durchsetzung hygienisch begründeter Vorstellungen von Gesundheit und Erholung.» Dieser Prozess habe zur «Ausgliederung eines als rein privat geltenden Lebensbereichs» geführt.

Zuerst Professoren und Beamte

Nachdem die Professoren der ETH schon 1854 zwecks Erholung und Weiterbildung acht jährliche Ferienwochen zugesichert bekommen hatten, profilierte sich der Bund als Vorreiter. 1879 regelte er den Urlaub für seine Beamten – allerdings «nicht etwa als Recht, in die Ferien zu gehen, sondern als Recht der Verwaltung, eingereichte Urlaubsgesuche zu bewilligen», wie Stefan Keller in seinem Buch «Vorwärts zum Genuss» über Arbeiterferien und Arbeiterhotels schreibt. Darin dürfte der lange andauernde Sonderstatus der Beamten begründet sein. Und auch die Hierarchisierung der verschiedenen Arbeitsbereiche. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte die Ansicht vor, dass Arbeiterinnen und Arbeiter dank der körperlichen Arbeit gesünder lebten und dass, wenn denn schon, Bürokräfte aufgrund ihrer geistigen Anstrengung eher Erholungsphasen nötig hätten.

In den 1880er-Jahren zogen die öffentlichen Dienste nach. Angestellte von Strom-, Gas- und Wasserwerken gehörten zu den ersten Ferienberechtigten, in der Privatwirtschaft kamen Typographen und Angestellte der Lebensmittelbranche als erste in den Genuss bezahlter Freizeit. Noch galt die Sechstagewoche, und selbst der Generalstreik von 1918 zielte primär auf die Verankerung der 48-Stunden-Woche. «Von Ferienansprüchen ist auch im ultimativen Programm dieses grössten und wichtigsten Streiks der Schweizer Geschichte noch keine Rede», schreibt Keller. Erst 1929 gelang es dem Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverband Smuv, ein Recht auf bezahlte Feien durchzusetzen. Es waren zwei bis maximal zwölf Arbeitstage pro Jahr.

Bis zur Selbstverständlichkeit der Arbeitnehmer von heute, jedes Jahr die Koffer zu packen, war es jedoch noch ein weiter Weg. Wenn nun auch die paar freien Tage dafür zur Verfügung standen, so fehlte es am Geld. Die Gewerkschaften sahen sich in der Pflicht. Nachdem die Ferien für ihre Verbandsmitglieder erstritten waren, «mussten wir auch dafür sorgen, dass sie möglichst billig in die Ferien gehen konnten», sagte Smuv-Präsident Konrad Ilg bei der Einweihung eines Arbeiterhotels in Vitznau im Sommer 1941. Das Ferienheim Vitznau war eine von zahlreichen solcher Institutionen, die der Smuv und andere Gewerkschaften seit der Zwischenkriegszeit eröffnet hatten.

Das Ferien-Engagement der Gewerkschaften weckte allerdings auch da und dort den Argwohn der bestehenden Hotellerie, die in der Zwischenkriegszeit mit dem Ausbleiben ausländischer Gäste in die Krise geraten war. Ilg wies deshalb in Vitznau darauf hin, es gehe mit dem eigenen Hotel nicht um eine Konkurrenzierung der lokalen Hotellerie, man werde ausschliesslich Verbandsmitglieder beherbergen – also zusätzliche Gäste, die sonst nicht ins Dorf kämen.

Wie prekär die Lage im Tourismus – und nicht nur dort – war, belegt das Hotelbauverbot, das die Schweiz erlassen hatte. Und die Tatsache, dass nun sogar der Bundesrat die Ferienfreude der Schweizerinnen und Schweizer anzustacheln versuchte. Bundesrat Enrico Celio erliess 1940 den Aufruf «Macht Ferien, schafft Arbeit!»

Die Idee mit den Pauschalangeboten

Das war quasi das neutrale Schweizer Pendant zur nationalsozialistischen Propaganda in Deutschland unter dem Motto «Kraft durch Freude» und der Tätigkeit der faschistischen Ferienorganisation «Opera Nazionale Dopolavoro» in Italien. Im Bestreben, den Tourismus im eigenen Land anzukurbeln, entstand 1939 die Schweizer Reisekasse Reka, ein Non-Profit-Unternehmen der Gewerkschaften und des Verbandes der Konsumgenossenschaften. Mit dem gleichen Ziel hatte schon 1935 Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler das Unternehmen «Hotelplan» ins Leben gerufen. Um der bedrängten Schweizer Hotellerie zu helfen und gleichzeitig dem kleinen Mann Ferien zu ermöglichen, übernahm Duttweiler die Idee eines Berliner Reisefachmanns und lancierte Pauschalarrangements zu günstigen Preisen. Es müsse versucht werden, ein neues, bisher reiseungewohntes Publikum anzusprechen, weil jede zusätzliche Logiernacht einen zusätzlichen Tag Arbeit in der von Arbeitslosigkeit heimgesuchten Schweiz bedeute, so lautete die Losung – ganz im Sinne des späteren bundesrätlichen Aufrufs.

Ferien werden international

Duttweilers Idee kam schnell ins Rollen. Im Juni 1935 brachte ein erster Sonderzug 126 Feriengäste nach Lugano, eine Woche all inclusive kostete 65 Franken. Bereits im ersten Jahr wurden 52 648 Wochenarrangements verkauft. 1937 errechnete «Hotelplan» für die Schweizer Volkswirtschaft einen Mehrumsatz von mindestens zehn Millionen Franken.

Nach dem Kriegsende wurden die günstigen Pauschalangebote rasch zum internationalen Geschäft. 1945 organisierte «Hotelplan» erste Auslandreisen nach Mailand, Venedig, Florenz und an die Riviera. Die Schweiz entdeckte das Meer. Für die meisten Arbeiterhotels begann jedoch damit der Niedergang. Die Welt war grösser geworden, internationale Ziele lockten und wurden erschwinglich. Dazu kam, dass die ausländischen Fabrikarbeiter, die nun zahlreicher wurden, ihre Ferien nicht in den Schweizer Bergen verbrachten, sondern in der Heimat. Ferien und die freie Wahl des Ferienorts wurden allmählich zum Alltag – umso erstaunlicher ist, dass der Grundanspruch von zwei Wochen Ferien für alle auf Bundesebene erst mit dem Arbeitsgesetz von 1966 festgelegt wurde.

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