Der Junge will altes Wasser

Villa Kunterbunt

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Es gibt Momente im Alltag mit Kindern, da kommt man nicht mehr weiter. Da schreit der Kleine, will mal dies, mal das, das Köpfchen wird röter und röter, die Tränchen fliessen – und der Vater weiss nicht, was tun. Alle Skills helfen nichts. Dieses Level ist zu schwer, man wird es nicht schaffen.

So wie neulich. Mitten in der Nacht höre ich ein Schreien. Der Kleine steht aufgelöst in seinem Bettchen und weint. Ich nehme den Dreijährigen in den Arm, er schreit. Ich lasse ihn wieder los, er schreit lauter. Er hat Durst, ich hole einen Becher, er will einen anderen Becher, ich hole einen anderen Becher, er will Wasser, ich lasse Wasser aus dem Hahn, er schreit: «NEIN! ICH WILL ALTES WASSER!» Bam! Das ist der Moment, in dem ich auf­gebe. Weder kann ich Wasser in Wein verwandeln, noch frisches Wasser in altes. Ich möchte abbrechen, neu starten, doch das ist kein Spiel. Es gibt kein Game Over, man muss da durch.

Irgendwann ist es zum Glück vorbei, jeder Anfall hat ein Ende. Am nächsten Morgen spiele ich mit dem Gedanken, neben dem Kinderbett etwas abgestandenes Wasser bereit­zustellen. Doch der Gedanke verfliegt schnell, denn schon erfüllt wieder Kinderlachen das Haus. Ich bin bereit fürs nächste Level.

Roger Berhalter