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Der Himmel und die Menschen

Das Zürcher Rietberg-Museum präsentiert Kosmos-Vorstellungen von 17 Kulturen aus allen Weltgegenden – vom alten China über Ägypten und Griechenland und Rom bis zur neuzeitlichen Kosmologie.
Rolf App
Die Sternbilder des Tierkreises finden sich im Körper wieder: Codex Schürstab, Nürnberg, um 1472 (Bild aus Katalog zu: Kosmos-Weltentwürfe im Vergleich)

Die Sternbilder des Tierkreises finden sich im Körper wieder: Codex Schürstab, Nürnberg, um 1472 (Bild aus Katalog zu: Kosmos-Weltentwürfe im Vergleich)

Was wir an der Welt haben, das verdanken wir – grossenteils – dem Raben Yehl. Das zumindest glaubt das Indianervolk der Haida an der Nordwestküste Nordamerikas. In ihren Augen ist der Mensch keineswegs Herr über die Erde. Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine, Erde, Gewässer und Himmelskörper existieren vielmehr nebeneinander. Und alle haben eine Seele.

Yehl findet die Menschen

In dieser Welt ohne Götter spielt der schlaue Rabe Yehl eine ganz wichtige Rolle. Als er einen weiten Sandstrand entlang streift, findet er eine Muschel. Sie öffnet sich, man hört einen Seufzer, das Gesicht eines Menschen zeigt sich. «Komm raus», sagt Yehl, und so schlüpfen die ersten Menschen und bevölkern die Insel Haida Gwaii.

Einmal erfährt Yehl, dass ein alter Mann eine geheimnisvolle Kiste hütet. Er verwandelt sich in eine Tannennadel, welche die Tochter des alten Mannes mit dem Wasser verschluckt. Die Tochter wird schwanger, sie bringt ein merkwürdiges Kind zur Welt, das nach der Kiste verlangt. Doch in der Kiste ist noch eine Kiste, und so weiter – bis zur letzten, unendlich kleinen Kiste. Als Yehl sie öffnet, entweicht das Licht, und der Rabe flieht durch den Kamin. Deshalb haben die Menschen das Licht, und deshalb ist der Rabe schwarz.

Wie entstand das Unfassbare?

Schon immer haben die Menschen das Bedürfnis verspürt, die Welt als Ganzes zu erklären. Die Haida tun es besonders phantasievoll, deshalb hat ihr Rabe Yehl auch einen Platz gefunden in einer Ausstellung, in der das Rietbergmuseum Zürich die Kosmos-Vorstellungen aus 17 Kulturen Revue passieren lässt.

Was sich seit dem 17. Jahrhundert als wissenschaftliches Weltbild etabliert, das bildet nur einen Teil dieser Vorstellungen, die weit zurückreichen. «Der Blick zum Himmel, zu den Sternen und Planeten, hat die Menschen fragen lassen, wie das Unfassbare entstanden ist», sagt Jorrit Britschgi, der die Ausstellung mitentwickelt hat. Bei aller Vielfalt gebe es Gemeinsamkeiten. Etwa die Idee einer Dreiteilung von Erde, Himmel und der Welt unter unseren Füssen. Oder die Beziehung von Dies- und Jenseits, wie sie in der ägyptischen Mythologie entwickelt wird. Aber auch bei den Yoruba in Nigeria, die glauben: «Die Welt ist eine Reise, aber das Jenseits ist das Zuhause.»

Auch die Parallelisierung von Körper und Kosmos zieht sich durch viele Kulturen. Im Buddhismus zum Beispiel gebe es viele Korrelationen zwischen Mensch und Kosmos, erklärt Martin Brauen. So werden den zwölf Tierkreiszeichen zwölf Glieder zugeordnet – eine Auffassung, die sich in der Astrologie des Mittelalters wiederfindet – zum Beispiel im Nürnberger Codex Schürstab (siehe oben).

Astronomie und Politik

Am Ursprung solcher Auffassung steht der Glaube, dass das Universum Einfluss hat auf unser irdisches Leben. Die alten Römer haben Himmelszeichen sehr genau beobachtet und auch politisch genutzt. Noch gründlicher sind die Kaiser des alten China zu Werke gegangen. «Dort herrschte die Auffassung, dass der Herrscher ein Mandat des Himmels braucht», erklärt Alexandra von Przychowski. Um sich der Gunst des Himmels sicher zu sein, hat Kaiser Qin Shihuangdi an die 300 Astronomen beschäftigt, die auf gute oder schlechte Omen zu achten hatten. Zum Beispiel auf jene Planetenkonstellation, die der Feldherr Liu Bang in seinen Aufzeichnungen erwähnt, um die Machtübernahme zu rechtfertigen. Liu Bang hat das Ereignis allerdings um mehrere Monate vordatiert, damit seine Rechtfertigung funktionierte.

Nah an der modernen Physik

So fern manches wirkt, was diese Völker an Welterklärungen entwickeln, so verblüffend ist, wie nah sie zuweilen der modernen Physik kommen. Der Buddhismus entwirft ein System von Universen: ein Multiversum also, wie es in heutigen Kosmologien auftaucht. Und das Werden und Vergehen im Hinduismus hat gewisse Parallelen in der Urknall-Theorie. Allerdings: Während die Physik unserer Tage beim Urknall an eine ungeheure Energie-Explosion denkt und nichts über das Vorher weiss, wird der Hinduismus sehr viel konkreter. Zu Beginn eines vierzig Milliarden Jahre dauernden Schöpfungszyklus ruht der Schöpfergott Vishnu, während aus seinem Nabel eine Lotosblüte wächst. Ihr entspringt Brahma, der die Welt neu erschaffen wird.

Am Ende: Verderben und Hass

Doch diese Welt zerfällt in vier Weltzeitaltern nach und nach. Es ist der Mensch, der sie mit Verderben und Hass erfüllt. Bis Vishnu seines Amtes waltet, alles verbrennt und überflutet. Und sich dann wieder ein wenig schlafen legt.

Rietberg-Museum Zürich, bis 31. Mai 2015, Katalog Fr. 34.–

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