Der Hass aus den Fankurven

Nicht erst seit der Juden-Aktion der Luzerner Anhänger in St. Gallen schockieren Fussballfans die Öffentlichkeit immer wieder. Von inszenierten Hinrichtungen, Schweineköpfen auf dem Rasen und gefeierten Massenmördern.

Daniel Walt
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«Rot oder tot»: Fans von Standard Lüttich zeigen Anfang 2015 auf dieser Choreographie einen enthaupteten Ex-Spieler des Clubs. (Bild: ap)

«Rot oder tot»: Fans von Standard Lüttich zeigen Anfang 2015 auf dieser Choreographie einen enthaupteten Ex-Spieler des Clubs. (Bild: ap)

Ein überdimensionaler Schlächter, in der einen Hand ein Schwert, in der anderen den Kopf eines Mannes: Diese Choreographie sorgte nach dem Meisterschaftsspiel zwischen Standard Lüttich und Anderlecht für grosse Empörung. Mit der Inszenierung gaben die Heimfans ihrer Verachtung für Steven Defour Ausdruck – jenen Spieler, dem sie wenige Jahre zuvor noch zugejubelt hatten. Sein Vergehen: Er spielt mittlerweile nicht mehr für Lüttich, sondern für Anderlecht. Und deshalb schritten die Anhänger zur Tat: Sie enthaupteten Defour symbolisch und präsentierten dem Publikum den Kopf des Verräters. Dies in Zeiten, in denen der Islamische Staat die Welt mit Videos von enthaupteten Geiseln schockiert.

Ausgepfiffen? Das war einmal

«Wäre ich Fan von Standard Lüttich, und eins meiner Idole hätte in Anderlecht unterschrieben, wäre ich auch wütend», sagte Steven Defour zur Aktion. Er stellte zudem fest, dass die Menschen immer weitergingen – nicht nur im Fussball: «Früher wurden die Spieler ausgepfiffen, dann beleidigt. Jetzt werden sie mit Gegenständen oder Petarden beworfen.» Oder symbolisch mit Schweinen gleichgesetzt – so wie es dem österreichischen Profi Florian Kainz im vergangenen Herbst passiert ist. Nachdem er von Sturm Graz zu Rapid Wien gewechselt hatte, empfingen ihn die Grazer Fans bei der Rückkehr in die frühere Heimat mit einem Schweinekopf, den sie über einem Trikot von Kainz aufgespiesst hatten.

Ähnliches war bereits im November 2002 Luis Figo, Mittelfeldregisseur von Real Madrid, widerfahren: Als er im Stadion seines Ex-Clubs Barcelona einen Eckball für die Hauptstädter treten wollte, flog ein Schweinekopf auf den Rasen. Der Portugiese weigerte sich in der Folge, den Corner zu treten, dem Spiel drohte kurzzeitig sogar der Abbruch.

Zum Abschuss freigegeben

Dass Fussballfans vor fast nichts zurückschrecken, um missliebige Personen zu diffamieren, müssen auch Vereinspräsidenten erleben. Vor kurzem sorgten Anhänger des zweiten deutschen Bundesligisten Erzgebirge Aue für Schlagzeilen. Beim Spiel gegen Red Bull Leipzig hissten sie ein Transparent mit folgender Botschaft an die Gästefans: «Ein Österreicher ruft, und Ihr folgt blind. Wo das endet, weiss jedes Kind. Ihr wärt gute Nazis gewesen!» Damit setzten sie die Fans aus Leipzig und Dietrich Mateschitz, den Boss des verhassten Leipzig-Eigentümers Red Bull, auf eine Stufe mit Nationalsozialisten beziehungsweise Adolf Hitler. Erzgebirge Aue distanzierte sich vom Spruchband: «Drei Punkte gewonnen, doch am Ende eine Menge Ansehen und Anerkennung verloren!», schrieb der Club und sprach Stadionverbote aus.

Allerdings hat auch die 1. Bundesliga einen Vereinsboss, der für gegnerische Fans ein Feindbild ist: Dietmar Hopp, milliardenschwerer Eigentümer von Hoffenheim, muss immer wieder Beschimpfungen über sich ergehen lassen. Und wurde gar zum Abschuss freigegeben: «Hasta la Vista, Hopp!», stand auf einem Transparent, das Anhänger von Borussia Dortmund im Herbst 2008 zeigten – darauf zu sehen: Hopps Konterfei hinter einem Fadenkreuz.

«Danke, Leibacher!»

Beschimpfen, diffamieren, provozieren: Dieser Antrieb gewisser Fans kann dazu führen, dass in Stadien Massenmörder gefeiert werden. So geschehen 2004, als der Schlittschuhclub Bern beim EV Zug gastierte. «Danke, Leibacher!» stand auf einem mit einem Totenkopf verzierten Transparent der Berner Fans. Es spielte auf Friedrich Leibacher an, der drei Jahre zuvor in Zug 14 Politiker erschossen hatte. In der Folge entschuldigte sich der SCB in einem Inserat für die Aktion der Fans.

Ebenfalls wegen eines Massenmörders gab es im Jahr 2012 Empörung im Umfeld des Fussball-Bundesligisten Hannover: Ultras hatten ein Banner mit dem Gesicht von Fritz Haarmann gezeigt. Dieser hatte Anfang des 20. Jahrhunderts 24 Menschen getötet.

Gasgeräusche nachgeahmt

Antisemitismus und Rassismus: Was in allen Lebensbereichen auftritt, macht auch vor den Stadien nicht Halt. Auf europäischer Ebene pflegen die Fans von Ajax Amsterdam und Tottenham Hotspur eine jüdische Identität. Darauf zielen gegnerische Fans, wenn sie etwa das Zischen von Gaskammern nachahmen, «Hamas! Hamas! Juden ins Gas!» schreien oder einen Song namens «Wir gehen auf Judenjagd» anstimmen. Gegenüber Spiegel Online relativiert Hans Knoop, jüdischer Journalist und Sprecher einer Stiftung gegen Antisemitismus im niederländischen Fussball, allerdings: «Die gegnerischen Fans sind nicht unbedingt antisemitisch eingestellt, aber sie sind gegen Ajax. Und wenn Ajax die Juden sind, dann müssen sie eben gegen die Juden sein.»

«Affen, haut ab!»

Auf Schweizer Fussballplätzen – auch im St. Galler Espenmoos – waren Affenlaute und Bananenwürfe gegen schwarze Spieler bis in die 1990er-Jahre gang und gäbe. In einigen Ländern bestehen diese Probleme bis heute – speziell in Russland: Dort kommt es vor, dass sogar aus dem VIP-Bereich Bananen fliegen. In den Stadien wurden schon Plakate mit den Aufschriften «Spartak nur für Weisse!» oder «Affen, haut ab!» aufgehängt – oder Adolf Hitler erhielt per Spruchband und mit den Worten «Herzlichen Glückwunsch, Opa!» Geburtstagsgrüsse. Ex-Bundesliga-Stürmer Kevin Kuranyi, aktuell für Dynamo Moskau tätig, gab der «Welt am Sonntag» im vergangenen Herbst ein Rezept zu Protokoll, das helfen könnte, viele Geschmacklosigkeiten zu verhindern. Es heisst: mehr Zivilcourage. «Seinem Nachbarn auf der Tribüne zu sagen, er solle seinen Mund halten, wenn er mit Affenlauten anfängt, das wäre ein erster grosser Schritt», sagte Kuranyi.

Der Marsch von St. Gallen: Ein als Jude und FCSG-Fan verkleideter Mann und die Luzerner Fans auf dem Weg zur AFG Arena. (Bild: fan-fotos.ch)

Der Marsch von St. Gallen: Ein als Jude und FCSG-Fan verkleideter Mann und die Luzerner Fans auf dem Weg zur AFG Arena. (Bild: fan-fotos.ch)

Hommage an einen Attentäter: Fans des SC Bern huldigen im Jahr 2004 Friedrich Leibacher, dem Amokschützen von Zug. (Bild: ky/Sigi Tischler)

Hommage an einen Attentäter: Fans des SC Bern huldigen im Jahr 2004 Friedrich Leibacher, dem Amokschützen von Zug. (Bild: ky/Sigi Tischler)

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