Der globalisierte Mittagstisch

Die Ausstellung «Wir essen die Welt» im Liechtensteinischen Landesmuseum zeigt mit Porträts und thematischen Querbezügen, dass unsere Essgewohnheiten weit über den eigenen Tellerrand hinaus Auswirkungen haben.

Beda Hanimann
Drucken
Teilen
Essen in aller Welt: Eine Grossfamilie in Burkina Faso beim gemeinsamen Mahl. (Bild: Olivier Föllmi)

Essen in aller Welt: Eine Grossfamilie in Burkina Faso beim gemeinsamen Mahl. (Bild: Olivier Föllmi)

Es fängt mit einem vertrauten Bild an. Als betrete man die eigene Küche oder die von Freunden. Da ist eine gepflegte Küchenkombination in rot, schwarz und weiss, auf einem Holztisch stehen Teller und Schüsseln bereit. Doch anders als zu Hause, wo wir uns blind zurecht finden, sind die Schranktüren in dieser Musterküche beschriftet. Und dahinter stehen nicht Packungen mit Nudeln, Reis, Salz oder Haferflocken, sondern Informationen zu den Fragen auf den Türen. Wer mit dem Essen ein Geschäft macht zum Beispiel. Woher die Fischstäbchen kommen. Wie viel Zeit wir am Herd verbringen. Oder dass die Schweiz Weltmeisterin ist punkto Landwirtschafts-Subventionen.

Genuss und Geschäft

Damit ist schon angedeutet: Wenn wir zu Hause etwas zum Essen aus dem Schrank nehmen, dann hat das nicht nur mit uns und unserer momentanen Gaumenlust zu tun. Denn mit dem Entscheid, was wir in unseren Schränken vorrätig haben, nehmen wir auch Einfluss auf das Leben anderer Menschen in aller Welt. Die Globalisierung ist eine Entwicklung, die sich auch und gerade bei der Ernährung und der Produktion von Lebensmitteln zeigt.

Das ist – unter dem Motto «Genuss, Geschäft und Globalisierung» – die Grundidee der Ausstellung «Wir essen die Welt». In der Schauküche im Eingangsraum geben acht Videos einen Geschmack dessen, was jenseits des eigenen Tellerrandes brodelt und köchelt. Von der Dreifelderwirtschaft von einst über den Zusammenhang zwischen Hunger und Migration, die Erfindung des Kühlschranks und künstlich erzeugte Aromen bis zur Spekulation, was 2050 dominieren wird: Gentech-Broccoli oder Bio-Rüebli? Molekularküche oder Betty Bossi? Fleischersatz oder Olmabratwurst?

Acht Begegnungen

Nach diesem Schnellkurs in Ernährungsgeschichte wird die Ausstellung zu einer kulinarischen Weltreise durch acht Länder. In jedem Land trifft der Besucher auf eine Einwohnerin oder einen Einwohner. In Audio porträts erzählen eine Kakaobäuerin aus Honduras, ein Sojabauer aus Brasilien, ein Börsenmakler aus den USA, eine Agronomin aus Indien oder eine Marktfrau aus Burkina Faso von ihrem Leben und ihrer Tätigkeit. Die zehnjährige Schülerin Hadega Gebrehiwut aus Äthiopien etwa verrät, dass sie am liebsten Ziegen hütet und Fladenbrot, Kartoffeln, Karotten, Linsen, Kohl, Fleisch und eine scharfe Sauce aus Bohnen, Zwiebeln und Tomaten die typische Nahrung in ihrer Heimat sind.

In jedem Land wird ausserdem ein Ernährungsthema exemplarisch beleuchtet. Da ist die von Monokultur, Pestizideinsatz und Waldrodungen geprägte Sojazucht in Brasilien, die das Klima nachhaltig verändert. Da ist die Entwicklung, Nahrungsmittel als Anlagemöglichkeit zu nutzen – was zu Lieferengpässen führen kann, obwohl genügend Rohstoffe da wären. Da sind die Dorfmärkte in Burkina Faso, die wegen subventionierter und deshalb billigerer Importnahrungsmittel aus den Industrieländern gefährdet sind. Oder da sind die Crevetten-Zuchten in Bangladesh, für die die Formel gilt: «kurzsichtiger Gewinn – langfristiger Schaden».

Der Beitrag des einzelnen

Die acht Ländernischen vermitteln so über persönliche Zugänge und zahlreiche Querbezüge mannigfache Aspekte der weltweiten Ernährung. Es geht um fairen Handel, industrielle und biologische Landwirtschaft, Wassernot, illegale Landaneignung oder die Problematik der Fleischproduktion. Und es geht um Entwicklungslinien, die bereits angelegt sind und zeigen, dass die Zukunft schon begonnen hat: mit Lebensmitteln aus dem Labor, Urban Farming, Slow Food oder Heuschreckenproteinen. Das macht aber auch deutlich, als Fortsetzung des Eingangs-Videos über die Geschichte der Ernährung, dass diese ein steter Prozess ist. Ein Prozess, in den Menschen, Erfindungen und Entwicklungen eingreifen.

Das Ziel der Ausstellung ist es, zu sensibilisieren für die Gesetzmässigkeiten, Abhängigkeiten und Zusammenhänge dieses Prozesses. Was dringend Not tut, wie gerade ein Bericht des WWF belegt hat (Ausgabe von gestern): Wenn der Mensch weitermache wie bisher, seien bis 2030 zwei Planeten nötig, um den Bedarf an Nahrung, Wasser und Energie zu decken, heisst es darin. Wer seine Küchenschränke etwas bewusster füllt, kann seinen kleinen Beitrag leisten.