Der Frustsommer: Feucht und kalt

Der Sommer ist seit gestern zu Ende. Einer, der viel zu feucht war, weil alles Wasser, das über dem Atlantik verdunstete, genau über uns ausgeschüttet worden ist, wie der Meteorologe Felix Blumer erklärt.

Bruno Knellwolf
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Extrem viel Regen fiel vor allem im Juli. In der westlichen Hälfte der Schweiz wurden an zahlreichen, in der östlichen Hälfte an einzelnen Messstationen Juli-Rekordsummen gemessen. (Bild: ap/Mark Baker)

Extrem viel Regen fiel vor allem im Juli. In der westlichen Hälfte der Schweiz wurden an zahlreichen, in der östlichen Hälfte an einzelnen Messstationen Juli-Rekordsummen gemessen. (Bild: ap/Mark Baker)

Die Seen voll, die Flüsse über den Ufern, kaum ein Tag ohne Regen, 20 bis 30 Prozent weniger Sonne als im Normalfall – ein Sommer zum Grausen. Nicht überall. Der SRF-Meteorologe Felix Blumer erzählt, wie er sich diesen Sommer in Norwegen bei über 30 Grad Celsius vergnügt hat. «Sogar knapp südlich des Nordkaps hatte es 33 Grad», sagt der Meteorologe aus Winterthur.

Trotzdem fragt sich der Laie: Woher kommt denn all das Wasser, dieses unerschöpfliche? Nun, der Sommer ist bekanntlich jene Jahreszeit, in der die Luft warm ist. «Und je wärmer die Luft ist, desto mehr Feuchtigkeit kann sie aufnehmen», sagt Blumer. «30° warme Luft hat viel mehr Wasserspeicher-Kapazität als eine bei null Grad. Die dunkelsten Wolken sieht man deshalb im Sommer, weil dann der Wasserdampfgehalt darin sehr hoch ist, während Winterwolken eher hell sind.» Die Luft kann sich also im Sommer mit Wasser aufladen. Dazu kommt, dass die Verdunstungsrate dann sehr hoch ist. Im Atlantik, woher das meiste Nass kommt, scheint die Sonne erbarmungslos aufs Wasser und verdunstet dieses, woraus sich jene Wolken bilden, die uns den Sommer verdorben haben.

Kein Trend

«Ja, genau, unsere Sommer werden immer nasser», werden jetzt viele einstimmen. Ein Effekt, der durch die Klimaerwärmung beschleunigt wird. Doch die langfristigen Messreihen bestätigen keine höhere Niederschlagsmenge in der Schweiz. Denn die kann nur entstehen, wenn die Feuchte auch hierher transportiert wird, wie Blumer erklärt. Der Klimareport von MeteoSchweiz, spricht von 0,8 Prozent Niederschlagszunahme alle zehn Jahre. In hundert Jahren sind das lediglich 8 Prozent.

Doch es gibt leider Ausreisser wie in diesem Sommer. Zum ersten hat der Feuchtetransport in die Schweiz bestens funktioniert, und zweitens ist zudem ein Kaltlufttropfen über uns stehen geblieben. Die Meteorologen sprechen vom Jet Stream, der sich nicht bewegt hat und seine Feuchtigkeit niedergelassen hat. In der Höhe wasserdampfgesättigte Kaltluft, darunter stabiler Flachdruck. Zusätzlich kam von Westen her immer wieder neue Feuchtigkeit, so dass ein Schauer nach dem anderen ausgelöst wurde.

Unter dem Kaltluftfinger

Blumer beschreibt das Bild einer Hand mit ihren Fingern: Die Kaltlufthand lag über dem Nordpol und die fünf Finger reichten gen Süden. Je weiter diese Finger nach Süden ausgreifen, umso weniger haben diese Luftmassen Lust, sich nach Osten oder Westen zu bewegen. Und deshalb sind sie kalt und nass über uns liegengeblieben und haben das Leben aller Bademeister zur Hölle gemacht.

Blumers These dazu: Weil das Meereis am Pol abschmilzt, wird der Austausch von Luftmassen zwischen Norden und Süden verstärkt, und das auf Kosten der West-Ost-Bewegungen. Aber ohne diese West-Ost-Bewegung bleibt das Wetter länger stabil. Leider auch wenn es schlecht ist.

Zwei Monate Regen

«Blöd war – überall hatten die Menschen zwischendurch mal Sommer, nur wir sind dauernd unter diesen kalten Fingern gelegen», sagt Blumer. Die hohen Temperaturen waren zwischendurch in West-, Ost- und Südeuropa und wie anfangs erwähnt sogar im hohen Norden. Allerdings hatte beispielsweise auch Italien einigen Regen, «aber nicht wie bei uns durchgehend über zwei Monate».

So kann man mit Fug und Recht von einem schlechten Sommer reden. «Vor allem von einem feuchten», sagt Blumer. Im Mittelland war der Sommer allgemein 10 bis 30 Prozent zu nass. Zudem war der Sommer auch zu kühl, wie die Messungen von MeteoSchweiz zeigen: Der Sommer insgesamt fiel in den meisten Regionen zwischen 0,1 und 0,7 Grad zu kalt aus im Vergleich zur Norm der Jahre 1981 bis 2010.

Schöner Sommerstart

Allerdings geht dabei fast vergessen, das wir einen sehr schönen Frühlingsanfang hatten. Der Sommer startete nämlich mit einer rund einwöchigen Hitzewelle in der ersten Junihälfte. Die Temperaturen erreichten verbreitet Höchstwerte zwischen 31 und 34 Grad. Am heissesten wurde es in Sion mit 36,2 und in Basel mit 35,5 Grad. An vielen Messstandorten gab es Rekordtemperaturen für die erste Junihälfte. Da hatte man schon auf eine Wiederholung des Jahrhundertsommers 2003 gehofft. Blumer macht uns Hoffnung. «Es ist möglich, dass es wieder mal so einen Sommer gibt. Wären wir zwischen den beschriebenen Kaltluftfingern gelegen, hätten wir Hitze ohne Ende gehabt. Und nicht zu vergessen, der Sommer 2013 war im Juli und August sehr heiss.»

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