Der etwas andere Mitarbeiter

Seit 40 Jahren setzt sich die Arbeitsgemeinschaft für Probleme bei Wahrnehmungsstörungen mit Sitz in St. Gallen für Aufklärung über Autismus ein. Im Arbeitsleben haben es diese Menschen aber noch immer schwer.

Diana Bula
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Was für viele selbstverständlich ist, ist für Menschen mit Autismus eine Prüfung – auch, anderen in die Augen zu schauen. (Bild: pd/Autismus Forum Schweiz)

Was für viele selbstverständlich ist, ist für Menschen mit Autismus eine Prüfung – auch, anderen in die Augen zu schauen. (Bild: pd/Autismus Forum Schweiz)

Bei Smalltalk an einem Geschäftsapéro gerät sie in Stress. Und beim Schulkoch an die Türe klopfen, um nach einem Mixer für ihre Klasse zu fragen – «schaffe ich nicht, ich schreibe ihm stattdessen ein Mail», sagt die 31jährige Ostschweizer Heilpädagogin. Seit Dezember ist klar: Die Frau ist nicht einfach sozial ungeschickt, ihre Schwierigkeiten haben einen Namen. Autismus. Kein Schock, «sondern eine Erklärung für vieles, eine Erleichterung», sagt sie. Das meine auch der Chef. Er könne nun besser mit ihrer Unbeholfenheit umgehen, das Team könne sie bei Stress tatkräftiger unterstützen. «Etwa, indem sich Mitarbeiter beim Apéro zu mir gesellen, die Situation für mich managen.» Tun sie das nicht, steht sie alleine in einer Ecke – «und die Menschen halten mich für desinteressiert oder eingebildet». Einschätzungen, welche die Heilpädagogin verletzten. «Ich finde es schlimm genug, nicht intuitiv reagieren zu können, nicht zu merken, ob es jemandem schlecht geht.»

Regeln statt Bauchgefühl

Die 31-Jährige beherrscht das nicht, weil sie die Stimmung anderer nicht lesen kann – typisch für eine Autistin. Um in solchen Situationen angemessen zu reagieren, handelt sie nach Mustern. Wann ziemt es sich, jemanden zu umarmen? Eine Arbeitskollegin zu fragen, ob sie noch auf einen Drink mitkommt? «Ich hätte keine Ahnung, würde ich nicht beobachten, wie andere reagieren.» Auch die Psychologin hilft ihr weiter. Und da gibt es noch etwas: Romane. Die Heilpädagogin liest Passagen, in denen die Protagonisten Gefühle zeigen, aufmerksam. Und verhält sich später nach Schemen, die sie sich so zusammenstellt. Sie braucht Regeln, wenn andere aus dem Bauch heraus handeln.

Übersetzer zwischen Welten

Das Spektrum der Entwicklungsstörung, die durch eine neurobiologische Störung der Hirnentwicklung entsteht, ist denn auch breit. Beim frühkindlichen Autismus treten mitunter Sprachstörungen und geistige Behinderungen auf, beim High-Functioning-Autismus oder dem Asperger-Syndrom ist die Intelligenz nicht beeinträchtigt; ein selbständiges Leben ist oft möglich. «Diese Menschen erfüllen das Fachliche, haben dennoch Probleme mit dem Sozialen und Kommunikativen. Beides spielt in der heutigen Arbeitswelt eine wichtige Rolle», sagt Florian Scherrer. Mit seiner Firma Workaut begleitet er Autisten im Beruf. Denn nicht allen gelingt der Joballtag so reibungslos wie der Heilpädagogin. Er begleitet zurzeit 35 Menschen mit Autismus, im Alter von 15 bis 45; einige während Monaten, andere während Jahren. «Die Menschen mit Autismus sehen mich als Übersetzer zwischen der sogenannten neurotypischen und der autistischen Denkweise», sagt er.

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