Der Eiffelturm von Tokio

Randnotiz

Urs Mattenberger
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Und, wie war es? Auf die obligate Frage, die Heimkehrern aus fernen Ländern gestellt wird, haben wir rasch Antworten parat. Und meist könnten wir diese geben, ohne da gewesen zu sein. In Venedig beeindruckten Gondeln und Markusplatz, in Paris der Eiffelturm, in Rom das Kolosseum. Zurück aus Tokio war ich dagegen um solche Kurzformeln verlegen. Denn Wolkenkratzer gibt es in New York originellere. Der Tokio-Tower ist nur eine Kopie des Eiffelturms. Schick einkaufen kann man auch in Mailand. Pekings Tempel und Kaiserpalast sind imposanter. Und etwas abstrakt wirkt zunächst, wie ein Mitreisender seine Liebe zu Tokio begründete: Kein Land sei für uns Europäer so exotisch und doch so problemlos zu bereisen wie Japan.

Aber Recht hat er! Für beides steht die Höflichkeit der Japaner, dank der man sich im Alltag auf Schritt und Tritt familiär aufgehoben fühlt. Exotisch ist sie, weil selbst Kassenzettel im Family Mart um die Ecke beidhändig mit einer Ehrerbietung überreicht werden, als handle es sich um ein Samuraischwert. Steckt in der Höflichkeit etwa doch mehr Etikette als echte Herzlichkeit?

Hinweggewischt wurden solche Bedenken auf der Rückreise. Im Flughafen Frankfurt schmetterte ein Angestellter meine Frage barsch und zackig ab, weil er sich zunächst um anderes kümmern müsse. Da sehnte ich mich bereits wieder nach Japan zurück und wusste: Die freundlichen Umgangsformen der Menschen dort sind der wahre Eiffelturm von Tokio.

Urs Mattenberger