Der Doktor und Pfarrer wird zur Ikone der Musikkultur

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Popsongs Spätestens seit seiner legendären «I Have a Dream»-Rede im August 1963 gehört Martin Luther King neben Rosa Parks und Malcolm X zur Ikonografie der Popkultur des 20. und 21. Jahrhunderts und ist der wichtigste Vertreter für die Rechte der schwarzen Bevölkerung in den USA. Fragmente der Rede, sogenannte Samples, finden sich laut der Website whosampledwho.com in mindestens 95 Pop- und vor allem Hip-Hop- Songs. Wer bei Youtube den Namen Martin Luther King mit den Wörtern «Remix» oder «Mashup» ergänzt, stösst auf unzählige Neuinterpretationen und Collagen der berühmten Rede in fast allen nur denkbaren Musikgenres. Nicht nur Originalausschnitte der Rede finden bis heute Verendung in der Popkultur, sondern seit seiner Ermordung gedenken verschiedenste Künstlerinnen und Künstler mit eigenen Songs dem Doktor und Baptistenpfarrer.

Bereits drei Tage nach Kings Ermordung beklagte Nina Simone seinen Tod im Stück «Why? (The King of Love is Dead)». Die jähzornige und für ihre Wutausbrüche bekannte Sängerin zeigte sich im Stück von ihrer zarten und gefühlvollen Seite.

Die US-Sängerin Mahlia Jackson bezahlte ihren Aktivismus und ihre Unterstützung von Luther King beinahe mit dem Tod, nachdem eine Bombe in ihrem Haus gezündet worden war. Die Sängerin befand sich glücklicherweise nicht zu Hause. Mahlia Jackson war es angeblich, die Luther King während seiner berühmten Rede zugerufen haben soll, «erzähl den Menschen von unserem Traum», worauf Kings Rede die dramatische und bis heute bedeutungsvolle Wendung nahm. Mahlia Jackson machte die Bürgerrechtsbewegung von Malcolm X und Martin Luther King durch ihre Gospelgesänge und den Negrospirituals weltweit bekannt und zog die Anliegen der Bewegung ins mediale Rampenlicht. Auch King selbst nannte Gospel «Seele der Bewegung». Jackson und King traten regelmässig gemeinsam auf und verbanden den Gospelgesang mit politischen Forderungen nach einem gerechteren Amerika – eine Art Urform von Rap.

Auch Bono lässt sich von Luther King inspirieren

1981 startete Stevie Wonder in den USA eine landesweite Kampagne, die verlangte, Luther Kings Geburtstag als nationaler Feiertag zu etablieren. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, schreibt er den berühmten Song «Happy Birthday», der seither vor allem im deutschsprachigen Raum fälschlicherweise für jedermanns Geburtstag herhalten muss. US-Präsident Ronald Reagan schrieb den Gedenktag 1983 ins Gesetz. Seit 1986 wird King jeweils am dritten Montag im Januar geehrt. Weil in den 1980er-Jahren nicht alle 50 Bundesstaaten den Gedenktag begingen, was erst seit dem Jahr 2000 der Fall ist, fand Stevie Wonder Unterstützung von der New Yorker Hip-Hop-Band Public Enemy. Bandmitglied Chuck-D regt sich im Stück «By the Time I get to Arizona» rappend gegen Politiker und Behördenvertreter des Bundesstaates Arizona auf, die sich weigerten, den Gedenktag anzuerkennen. Public Enemy veröffentlichten zum Song ein Video, das neben Aufnahmen von Strassenprotesten mit fiktiven Aufnahmen von bewaffneten Guerilla-Kämpfern erweitert wurde, die einen Gouverneur mit einer Autobombe töten. In den Vereinigten Staaten steht das Video bis heute auf dem Index.

1984 versuchte die irische Band U2 dem Menschenrechtsaktivisten mit einem Song Tribut zu zollen. Allerdings nicht fehlerfrei. Im Song «Pride (In the Name of Love) singt Bono, Luther King sei am frühen Morgen des 4. April erschossen worden. Tatsächlich geschah das Attentat abends um sechs Uhr. Der kleine textliche Fehler konnte dem Lied nichts anhaben. Bis heute ist das Stück ein Hit und wird immer noch regelmässig am Radio gespielt.

Ebenfalls etwas mangelhaft war die Auseinandersetzung mit Luther King bei Paul McCartney. 1990 verwendete der Ex-Beatle die «Dream»-Rede bei der Aufführung des Beatles-Songs «Fool on the Hill». Im Stück geht es eigentlich um einen lachenden Clown, der sich täglich auf einem Hügel den Sonnenuntergang anschaut. Weshalb McCartney Kings Traum in einen Clown umgedeutet hat, ist bis heute nicht geklärt.

Bewundert und geehrt wurde Luther King in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in der anfänglich von Schwarzen geprägten Subkultur des Hip Hop und Rap. Einer der ersten Hip-Hop-Künstler war Afrika Bambaataa, der bereits in den späten 70er-Jahren Ausschnitte aus der «I have a Dream»-Rede verwendete. Auch Hip-Hop-Künstler der Gegenwart beziehen sich regelmässig auf den ermordeten Bürgerrechtler. Kendrick Lamar etwa hat seine Hommage an Luther King kürzlich auf sein Album «Good Kid. M.A.A.D City» im Song «Martin had a Dream. Kendrick have a Dream» verpackt.

Philipp Bürkler