Der Chronist lädierter Menschen

Wenige Monate nach seinem 82. Geburtstag ist in New York der Neurologe Oliver Sacks gestorben. Berühmt haben ihn jene Fallgeschichten gemacht, die er selber «Überlebensgeschichten» genannt hat.

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Neugierig, anregend, dem Menschen zugewandt: Der verstorbene Neurologe Oliver Sacks im Zug. (Bild aus: Oliver Sacks, On the Move)

Neugierig, anregend, dem Menschen zugewandt: Der verstorbene Neurologe Oliver Sacks im Zug. (Bild aus: Oliver Sacks, On the Move)

2002 haben wir uns in Zürich getroffen zu einem kurzen, ausserordentlich munteren Interview. Jetzt ist der Schriftsteller und Neurologe Oliver Sacks 82jährig gestorben. Keineswegs überraschend. Denn er hatte seine Krebserkrankung vor einigen Monaten öffentlich gemacht und sich mit Trauer, aber auch mit grosser Dankbarkeit vom Leben verabschiedet. Im Juni erschien dann «On the Move», seine Autobiographie, auch auf Deutsch.

Im Seziersaal

Anlass unseres Gesprächs war 2002 «Onkel Wolfram», Oliver Sacks' erste Autobiographie der frühen Jahre. In ihrem Zentrum steht Onkel Dave, der im Londoner Stadtteil Farringdon eine Glühbirnenfabrik betreibt – und dessen chemische Experimente für den 1933 als Sohn eines Ärzteehepaares geborenen Sacks prägender sind als der Weltkrieg.

Das eigene Staunen über die Welt: Hier macht er es zum ersten Mal zum Thema. Und auch das eigene Leben mit seinen schmerzlichen Seiten. Etwa indem er beschreibt, wie ihn die Mutter in den Seziersaal lotst und er nachher nicht weiss, «ob ich je in der Lage sein würde, die warmen, geschmeidigen Körper der Lebenden zu lieben, nachdem ich vor der formalingetränkten Leiche eines Mädchens meines Alters gestanden, ihren Geruch eingeatmet und sie zerschnitten hatte.»

«Sind dir Jungen lieber?»

So begeistert er sich für die Chemie, für die Natur, für die Musik – nicht aber für Mädchen. Das beunruhigt die Eltern denn doch. In «On the Move» beschreibt er, wie der Vater den Achtzehnjährigen beiseite nimmt und direkt fragt: «Sind dir Jungen vielleicht lieber?» Oliver Sacks antwortet: «Ja – aber es ist nur ein Gefühl – ich habe noch nie etwas <getan>.» Er bittet den Vater, der sehr bibeltreuen Mutter nichts zu sagen. Die aber erfährt es umgehend – und reagiert unglaublich schroff.

Ihre Ablehnung verfolgt ihn ein Leben lang und ist «wesentlich dafür verantwortlich, dass der freie und freudige Ausdruck meiner Sexualität immer von Hemmungen und Schuldgefühlen beeinträchtigt wurde». Oliver Sacks ist sich nicht sicher, ob er nach solchen Erfahrungen auch Arzt werden will. Meeresbiologie fesselt ihn. Aber auf der andern Seite ist da diese starke visuelle Migräne, die bei besonders starken Anfällen dazu führt, dass ihm die Welt optisch abhanden kommt – und wenige Minuten später aufersteht. Jetzt will er wissen, wie das menschliche Gehirn funktioniert.

Tiefe Krisen

Neurologie wird sein Gebiet, doch bis aus dem Arzt ein Schriftsteller wird, sind tiefe Krisen zu überwinden. Oliver Sacks will nicht ins Militär, deshalb wandert er aus – zuerst nach Kanada, dann nach Kalifornien, schliesslich nach New York. Er fährt leidenschaftlich gern Motorrad, er stemmt Gewichte – um, wie er selber sagt, sich stärker zu fühlen, als er in Tat und Wahrheit ist. Er verliebt sich in Männer, besucht Parties und nimmt immer wieder Drogen.

Auch beruflich geht es abwärts. Nach schiefgelaufenen Experimenten im Labor erklären seine Vorgesetzten: «Warum kümmern Sie sich nicht um Patienten – da werden Sie weniger Schaden anrichten.» Das tut Sacks und findet Gefallen an der Arbeit mit Patienten.

Aus eigenem Antrieb sucht er einen Psychiater auf, und ein letzter Drogenrausch bringt die kreative Wende in Sacks' Leben: «Er zeigte mir, was ich tun sollte und könnte: ein lesenswertes Buch über Migräne schreiben und danach noch andere Bücher.» Genau das tut er. 1966 ist er in einem Asyl für geistig Schwerbehinderte achtzig fast vergessenen Opfern der «Europäischen Schlafkrankheit» begegnet. Eine experimentelle Therapie bringt Besserung, das darauf basierende Buch «Zeit des Erwachens» wird 1973 mit Robert de Niro und Robin Williams verfilmt und ein Grosserfolg.

Die schmale Grenze

Was Oliver Sacks in der Folge immer wieder beschreibt, das sind keine Fallgeschichten im traditionellen Sinn. Es sind, wie er sagt, «Überlebensgeschichten». «Der Tag, an dem mein Bein fortging», «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte», «Eine Anthropologin auf dem Mars», «Der einarmige Pianist»: Sie handeln nicht nur davon, wie schmal die Grenze zur Normalität ist und wie rasch das Gehirn uns im Stich lassen kann.

Mit Mitgefühl und Respekt

Vor allem erzählen sie, wie kreativ sich Menschen in einem derart auf den Kopf gestellten Leben einzurichten versuchen. Diesen Menschen gilt Oliver Sacks' ganzes Mitgefühl und ein Respekt, der sich sehr rasch auf die Leser überträgt. Mit grosser Hingabe verfolgt er über Jahre, manchmal Jahrzehnte ihr Schicksal. Das ist es, was bleiben wird von Oliver Sacks.

Oliver Sacks: On the Move – Mein Leben, Rowohlt 2015, 445 S., Fr. 35.90