Der Chefredaktor

Als Kind sang Alan Rusbridger so schön, dass ihm ein kostenfreier Platz an einer heissbegehrten und teuren englischen Privatschule zugesprochen wurde. Auch heute macht der mittlerweile 59-Jährige gern Musik, inzwischen meist auf einem Steinway-Konzertflügel.

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Alan Rusbridger setzt beim «Guardian» auf Digitales - allen Verlusten zum Trotz. (Bild: ap/Alastair Grant)

Alan Rusbridger setzt beim «Guardian» auf Digitales - allen Verlusten zum Trotz. (Bild: ap/Alastair Grant)

Der Chefredaktor

Als Kind sang Alan Rusbridger so schön, dass ihm ein kostenfreier Platz an einer heissbegehrten und teuren englischen Privatschule zugesprochen wurde. Auch heute macht der mittlerweile 59-Jährige gern Musik, inzwischen meist auf einem Steinway-Konzertflügel. «Amateure sollten das Unmögliche versuchen», glaubt der ambitionierte Hobbypianist und handelt danach: Ein Jahr lang hat er sich mit der ebenso berühmten wie schwierigen g-Moll-Ballade von Frederic Chopin (1810–1849) abgemüht. In diesem Jahr erscheint darüber ein Buch mit dem schönen Titel «Play it again» – Spiel's nochmal.

Anfänge als Lokalreporter

Denn Schreiben kann Rusbridger ebenfalls – es ist sein Beruf: Nach dem Englischstudium in Cambridge fing Alan Rusbridger als Reporter bei der Lokalzeitung an, kam wenige Jahre später nach London zum weltberühmten «Guardian» und stieg dort schnell auf in der Hierarchie. Unter anderem machte sich der grosse, schlanke Brillenträger einen Namen mit einem neuen Magazin für die Samstagsausgabe sowie einer täglichen Beilage im Tabloid-Format – in der festgefügten Londoner Zeitungswelt damals eine kleine Revolution.

39 Millionen Leser

Mit Printprodukten hat Rusbridger durchaus gute Erfahrungen gemacht, seit nunmehr 17 Jahren amtiert er als Chefredaktor seiner 191 Jahre alten Zeitung. Der aus Manchester stammende «Guardian» hat Triumphe gefeiert, Minister gestürzt, korrupte Abgeordnete hinter Gitter gebracht, zuletzt den Abhörskandal im Murdoch-Medienimperium aufgedeckt. Daneben hat der verheiratete Vater zweier erwachsener Töchter schon früh die Möglichkeiten des Internets entdeckt, den digitalen Auftritt seines Blattes vorangetrieben. Heute belegt die Homepage «guardian.co.uk» hinter der britischen Boulevard-Seite «Mail Online» sowie der «New York Times» Platz 3 bei englischsprachigen Nachrichtenmedien.

So viele Menschen wie nie zuvor lesen die Artikel des «Guardian», im Oktober 2012 waren es 39 Millionen Webbesucher – ein Drittel davon Leserinnen und Leser aus Amerika. Rusbridger, urteilt die linke britische Wochenzeitung «New Statesman», könne sich zu Recht als «bester Chefredaktor» des Blattes feiern lassen – «aber wird er auch der letzte sein?»

65,6 Millionen Franken Verlust

Die bange Frage ist berechtigt. Denn neben dem triumphalen Erfolg im Internet erlebt der «Guardian» wie viele Printprodukte weltweit das katastrophale Abrutschen der Zeitungen, den Einbruch der Werbeeinnahmen, den die digitalen Anzeigen nicht annähernd wettmachen. Einen Bezahlmodus, die sogenannte Paywall, lehnt Rusbridger strikt ab. Und da der Chefredaktor auch zur Unternehmensleitung gehört, «geschieht das, was Alan will», sagt ein Insider. Die Folge: Die Guardian Media Group machte im letzten Geschäftsjahr (bis März 2012) 65,6 Millionen Franken Verlust. Zum erstenmal in der Geschichte des Blattes werden in diesem Jahr Journalisten entlassen.

Dennoch: Rusbridger hält unverdrossen an seiner Strategie «Digital First» fest. Zeitungen drucken und nachts durchs Land karren, das sei doch eigentlich «eine Sache aus dem 19. Jahrhundert», glaubt er. Noch ist unklar, ob der Hobbymusiker demnächst den Triumphmarsch aus Verdis «Aida» übt. Oder doch eher Beethovens «Wut über den verlorenen Groschen». Sebastian Borger, London