Denken, kochen, sparen

Ein Drittel aller Esswaren landet im Abfall. In der Schweiz verursachen die Haushalte 45 Prozent des Verlustes. Vier Menschen, die sich gegen Food Waste engagieren, geben Tips, wie er sich im Privaten verhindern lässt.

Diana Bula
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Aside view of a shopping cart full of groceries on a white background (Bild: SFC (19753483))

Aside view of a shopping cart full of groceries on a white background (Bild: SFC (19753483))

Susanne Lendenmann, Schweizer Tafel Region Ostschweiz: «Wir sammeln täglich bei Coop und Migros, bei Manor, Lidl und Bäckereien, bei Quartierläden, Tankstellenshops und Produzenten Ware ein, die demnächst abläuft oder wegen ihrer unüblichen Form nicht in den Handel gelangt. Manchmal halten uns auch Lebensmittelfirmen Überschüsse zu. So kommen in der Ostschweiz pro Tag 2,3 Tonnen an Produkten zusammen, die wir gratis an Organisationen abgeben, die sich um Bedürftige kümmern. Wir beliefern damit die Abgabestellen von Pfarreien, Suppenküchen, Heimen und Asylzentren. Bei uns beginnt jetzt Ostern. Es trudeln Schokoladenhasen mit drei Rabattklebern ein. Zuerst wurden sie im Laden zweimal heruntergeschrieben, dann gingen sie in den Personalverkauf. Erst ganz am Schluss der Kette stehen wir. Am meisten und die hochwertigste Ware geht rund um Feiertage ein. Das Einkaufsverhalten ist dann am schwierigsten abzuschätzen.»

• Nicht alle zwei Wochen einkaufen, sondern besser zweimal pro Woche. So lässt sich auf Gäste, die kurzfristig absagen, oder auf spontane Auswärtsessen reagieren – und besser abschätzen, welche Lebensmittel wirklich nötig sind.

• Nicht hungrig einkaufen gehen. Mit leerem Magen erliegt man den Versuchungen in den Regalen häufiger als mit vollem Bauch.

• Nicht nach Lust und Laune einkaufen, sondern nach einer Liste. Dort kommt nur drauf, was wirklich benötigt wird. Das schränkt nicht nur den Food Waste ein, sondern schont auch das Budget.

• Achtung bei Mehrfachpackungen. Braucht man tatsächlich sechs Joghurts? Oder wandern am Ende doch drei davon in den Abfall? Von Aktionen zu profitieren macht bei haltbarer Ware wie Zahnpasta oder Shampoo Sinn – selten bei Frischware.

Markus Sutter, Inhaber Böhli Beck Appenzell: «Vor vielen Jahren schon haben wir in unserem Laden Brot vom Vortag zum halben Preis angeboten. Die Leute zeigten damals aber kein Interesse. Seit etwa sieben Jahren arbeiten wir nun mit vorgegarten Teiglingen. Wir backen sie im Laden fertig – je nach Nachfrage. So konnten wir die Retouren bisher um 20 Prozent verringern. Unser Ziel ist es, am Ende des Tages nicht mehr als eine Kiste Altbrot übrig zu haben. Leider erreichen wir das noch nicht, aber wir arbeiten weiter dran. Die Reste übergeben wir Landwirten, die sie ihren Tieren verfüttern. Süssigkeiten wie Nussgipfel und Hefeschnecken verkaufen wir auch am zweiten Tag noch – für einen Franken statt zum regulären Preis. Schüler und andere sparsame Schleckmäuler greifen gerne zu. Das Bewusstsein für Food Waste hat in letzter Zeit zugenommen. Das stimmt uns zuversichtlich. Vielleicht erkennen unsere Kunden doch bald, dass Brot vom Vortag nicht uninteressant ist.»

• Brot in einem Beutel aufbewahren. Dadurch verliert es zwar seine Knusprigkeit, bleibt aber feucht. Damit die Knusprigkeit zurückkommt: Brot vor dem Verzehr während drei Minuten bei 200 Grad im Ofen aufbacken.

• Brot in Scheiben schneiden, portionieren und einfrieren. Je nach Bedarf einzelne Scheiben rausnehmen.

• Paniermehl selber machen: Brot im Ofen trockenrösten, dann im Mörser mahlen oder es mit dem Wallholz zerreiben.

• Knäckebrot selber machen: Brot in etwa 0,5 Zentimeter dünne Scheiben schneiden und diese im Ofen bei etwa 120 Grad trockenrösten. Pur, mit Hüttenkäse oder Trockenfleisch geniessen. Lange haltbar.

Séverine Gremper, HSG-Studentin, Mitgründerin des Start-ups Uglycious: «Nur weil ein Rosenkohl oder ein Apfel sehr klein sind, bedeutet das nicht, dass sie nicht schmecken. Die Form hat nichts mit der Qualität zu tun. 13 Prozent des Food Waste geschehen bereits in der Landwirtschaft. Dort setzen wir an. Wir beziehen bei einem Bauern in Häggenschwil Gemüse und Früchte, die aufgrund ihres Aussehens nicht in den Handel kämen. Diese Lebensmittel verkaufen wir in Taschen auf dem Uni-Campus. In den Säcken steckt nur, was zu dieser Zeit auch wirklich auf den Feldern wächst. Denn saisonale, regionale Produkte verursachen weniger Lager- und Transportabfälle. Wir geben auch Tips ab, wie man daheim Food Waste verhindern kann. So sensibilisieren wir die Studenten für das Thema. Noch treffen wir die letzten Vorbereitungen, ehe wir in zwei Wochen offiziell starten.»

• Ein schrumpliger Apfel muss nicht im Kübel landen. Für Apfelmus oder Apfelkuchen genügt er noch alleweil. Oder: Nicht gebrauchte Zitronenhälften gehen im Kühlschrank oft vergessen. Besser sofort ausdrücken und eine Limonade daraus machen.

• Naht das «Zu verbrauchen bis»-Datum bei Fleisch: Das Steak braten, in Tranchen schneiden und in den darauffolgenden Tagen Salatteller oder Suppe damit anreichern.

• Zu viel Gemüse eingekauft? Zubereiten, portionieren, einfrieren. Ist der Kühlschrank mal wieder leer, kommt die Portion Vitamine aus dem Gefrierschrank gelegen.

• Statt ein Rezept auszusuchen und die dafür nötigen Zutaten einzukaufen, mal die Reihenfolge ändern: schauen, was im Kühlschrank liegt und verwertet werden sollte, die Zutaten auf www.myfridgefood.com eingeben. Die Seite schlägt dann viele passende Menus vor.

Claudio Beretta, Präsident des Vereins Food Waste, Bern: «Wenn beim Backen ein Lebensmittel verbrennt oder beim Transport eine Kiste vom LKW fällt und man das mit Sorgfalt hätte verhindern können, so ist das auch schon Food Waste. Natürlich machen solche Vorfälle nur einen kleinen Bruchteil aus. In den Schweizer Haushalten werden am häufigsten Frischgemüse, Backwaren und Kartoffeln weggeworfen. Enden Fleisch und eingeflogene Südfrüchte im Abfall, belastet das die Umwelt besonders stark; für die Herstellung von einem Kilo Rindfleisch sind 14 000 Liter Wasser nötig. Weil wir immer spontaner leben und uns alle Optionen offenhalten wollen, kaufen wir viel Unnötiges ein. Die Ware verwest dann im Schrank. In Grossbritannien, wo das Thema bereits lange die Öffentlichkeit beschäftigt, zeigen sich dank Kampagnen erste Erfolge. Hoffentlich tritt das auch in der Schweiz ein.»

• Steht auf einem Produkt «mindestens haltbar bis», so handelt es sich nicht um ein heikles Produkt. Wir können uns dabei auf unsere Sinne verlassen: Solange kein Schimmel sichtbar ist und das Produkt gut riecht und schmeckt, ist es üblicherweise auch nach Ablauf des Datums geniessbar.

• Neue Lebensmittel hinten einräumen, ältere nach vorne rücken, so gehen sie nicht vergessen. Sich über die verschiedenen Temperaturbereiche des Kühlschrankes schlau machen. Welches Lebensmittel hat wo seinen idealen Platz? Grafik dazu unter www. foodwaste.ch.

• Auf die Lagerung kommt es an: Äpfel und Tomaten scheiden Gas aus, das den Reifungsprozess anderer Früchte und Gemüse beschleunigt. Sie deshalb separat aufbewahren. Dasselbe gilt für Schokolade – wenn auch aus anderem Grund: Sie nimmt den Geruch stark riechender Lebensmittel wie Käse rasch an.

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