Déjà-vu

Hitliste Die Ferien sind vorbei – und schon wieder müssen wir uns unzählige Ferienföteli anschauen. Dabei fotografieren doch alle im Ausland dieselben Dinge. Lukas G. Dumelin

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Teenager in die Ferien/ H (Bild: (35149474))

Teenager in die Ferien/ H (Bild: (35149474))

Die Geschichte wiederholt sich Jahr für Jahr. Mit den Spuren des letzten Sonnenbrands am Körper und der Dreckwäsche im Koffer kehren wir zurück in die Heimat: Das Meer ist fern, das Hotelbuffet vergessen, arbeiten müssen wir auch wieder. Geblieben sind uns nur die Fotos. Hunderte Fotos. Längst haben wir sie auf Facebook gepostet – und nötigen nun unsere Freunde, sie sich bitte anzusehen. Dabei fotografieren wir doch alle immer dasselbe. Eine Übersicht.

Unser allerliebstes Fotomotiv sind natürlich wir selber. Forscher haben gezeigt, dass das Reden über sich selbst die gleiche Hirnregion aktiviert wie Sex oder Geld. Wahrscheinlich verhält es sich beim Fotografieren genauso – und darum knipsen wir uns nicht erst im Bikini am Strand, sondern bereits im Flugzeug. Und das vorzugsweise mit einem Cüpli in der Hand, das wir der Stewardess für 15 Franken abgekauft haben.

Sind wir angekommen, stellen wir fest: Huch, hier gibt's aber auch herzige Tierli! Dass die meisten auch zuhause herumlaufen und -fliegen, spielt keine Rolle. Enten, Katzen und Möwen fotografieren wir immer gerne. Sichten wir noch eine Schildkröte oder ein Eidechsli – dann sind wir im siebten Himmel.

Schön an Ferien ist, dass in der Ferne andere Speisen und Getränke auf den Tisch kommen, Spaghetti bolognese zum Beispiel oder, wer weiss, vielleicht sogar ein Guinness. Klar, dass wir in solchen Fällen abdrücken müssen, in der Heimat wird das alle interessieren. Mahlzeiten und Getränke sind schliesslich tolle Motive: Im Gegensatz zu Tieren laufen sie nicht weg. Die Pasta wird höchstens kalt, und das Bier in der Sommerhitze warm.

Auch Landschaften laufen selten davon. Gut, Geysire oder Vulkane haben zwar oft eingeschränkte Betriebszeiten, aber solchen Naturspektakeln sollte man sowieso nicht zu nahe treten. Zumal sich Palmen anbieten, die auf weissem Sand stehen, der ins türkisfarbene Meer ausläuft. Das sind doch die berühmten Fotos, die zuhause Fernweh und Neid auslösen. Was aber, wenn Palmen, weisser Strand und türkisfarbenes Wasser fehlen? Dann klettern wir eben auf Hügel oder Türme, um unsere Welt, in der wir temporär leben, abzulichten und sie zuhause anschaulich erklären zu können. Wir sitzen dann vor einem Bildschirm und zeigen mit dem Finger: Hier seht ihr unser Hotel mit dem Pool, das war das Restaurant mit dem schlechten Seafood, und dort, ja dort, dort in diesem Haus war die Apotheke, wo Marina Medikamente gegen Durchfall kaufen konnte.

Selbstverständlich sind Ferien aber auch romantisch (oder wir in den Ferien einfach äussert romantikbedürftig). Darum lieben wir Sonnenuntergänge, am liebsten am Strand, wenn die Sonne, diese glutrote Kugel, im Ozean versinkt. Dieses Licht! Diese Farben! Davon kann man nicht genug Bilder machen. Es besteht die grosse Gefahr, dass wir sonst zuhause bereits wieder vergessen haben, wie denn so ein Sonnenuntergang am Meer aussieht.

Damit wir uns auch erinnern können, wie unser Hotelzimmer ausgesehen hat (Hotelzimmer haben bekanntlich die merkwürdige Eigenschaft, sehr oft sehr ähnlich auszusehen), fotografieren wir es auch. Am besten gleich bei Ankunft: So ordentlich wird es nie wieder aussehen.

Vor allem in südlichen Ländern haben wir an kaputten Sachen besondere Freude. Wir lieben Hauswände, deren Verputz bröckelt. Wir mögen Menschen in Autos, die vom Rost zerfressen sind (und die bei uns das Strassenverkehrsamt längst aus dem Verkehr gezogen hätte). Wir lieben aber auch die Bars, die völlig heruntergekommen (das heisst: authentisch) sind. Wir lieben die im Wind flatternde Wäsche, und wir lieben die Satellitenschüsseln auf den Dächern. Wir lieben das alles, weil wir Ferien haben. Sobald wir zurück sind, staunen wir. Und sagen, obwohl wir ein wenig sehnsüchtig dreinschauen: Zum Glück herrscht bei uns Ordnung.

Manchmal wagen wir uns aber auch an ein anspruchsvolles Motiv: Einheimische. «Locals» heissen die auf Neudeutsch, und easy sind sie nicht zu fotografieren. Entweder laufen sie weg, oder sie werden böse. Das könnte erklären, weshalb viele Einheimische auf Ferienföteli nur auf zwei Arten abgelichtet sind: von hinten – oder schlafend.

Tra le fronde a Mykonos (Bild: (41673366))

Tra le fronde a Mykonos (Bild: (41673366))

Spaghetti mit Tomaten, Shrimps und frischem Dill (Bild: Marén Wischnewski (38436459))

Spaghetti mit Tomaten, Shrimps und frischem Dill (Bild: Marén Wischnewski (38436459))

Hotel mit Schwimmbad neben Mittelmeer (Bild: (43355019))

Hotel mit Schwimmbad neben Mittelmeer (Bild: (43355019))

Ob Sonnenuntergang oder Essen: Auch im nächsten Sommer werden wir das bestimmt wieder interessant finden. (Bilder: fotolia)

Ob Sonnenuntergang oder Essen: Auch im nächsten Sommer werden wir das bestimmt wieder interessant finden. (Bilder: fotolia)

Ob Sonnenuntergang oder Essen: Auch im nächsten Sommer werden wir das bestimmt wieder interessant finden. (Bilder: fotolia)

Ob Sonnenuntergang oder Essen: Auch im nächsten Sommer werden wir das bestimmt wieder interessant finden. (Bilder: fotolia)

Schlafzimmer (Bild: (15918637))

Schlafzimmer (Bild: (15918637))