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DAVOS FESTIVAL: In kurzen Hosen gegen das Klavier

Am 5. August war Anpfiff, nächsten Samstag ist Endspiel. Das Davos Festival frönt dem Spieltrieb und wartet sogar mit einem Rekord auf: dem kleinsten Konzertsaal der Welt.
Rolf App
Sie spielen Chopin in der Kinderstube: die polnische Gruppe Male Instrumenty und ihr seltsames Arsenal. (Bild: Davos Festival)

Sie spielen Chopin in der Kinderstube: die polnische Gruppe Male Instrumenty und ihr seltsames Arsenal. (Bild: Davos Festival)

Rolf App

Am Samstag um 11.30 Uhr habe ich meinen Termin im kleinsten Konzertsaal der Welt. Draussen rauscht der Verkehr, ein Brunnen plätschert. Gilles Grimaître, ein freundlicher junger Mann mit Bart, kommt hinter dem Flügel hervor und hält mehrere Karten hin. Ich ziehe eine davon. «Davos Festival – Young Artists in Concert», steht auf der Vorderseite, und: «Spielplatz». Und auf der Rückseite: «György Kurtág – aus Játékok: 1. Hommage à Tchaïkovsky, 2. Flowers we are (1a), 3.Flowers we are (1b). Grimaître skizziert kurz die Stücke, die er für mich allein spielen wird, dann setze ich mich. Ich schliesse die Augen, ein wahres Klanggewitter bricht über mich herein, dann zarte Poesie.

Intimes in der Davoser Spielbox

Berührt tauche ich nachher ein in die profane Alltagswelt. Es gebe auch Besucher, die nach ihrem Besuch weinten, erzählt Reto Bieri, der Intendant des Festivals. Und Musiker, die grösseres Lampenfieber hätten, als wenn sie vor einem ganzen Saal spielten. Was durchaus verständlich ist. Denn obwohl draussen vor der verglasten Spielbox jeder sehen kann, was sich abspielt, entsteht doch ein sehr intimer Raum. Ich werde Gilles Grimaître noch zweimal sehen an diesem Tag, und zweimal wird mich seine wilde Seite überraschen. Vor allem aber: Ich werde eine Verbindung spüren, die entstanden ist zwischen uns zwei.

Die Anziehungskraft dieser verblüffend einfachen Idee – ein Musiker spielt fünf Minuten lang für nur gerade einen Zuhörer oder eine Zuhörerin – hat im Übrigen auch die Komponisten erfasst. Reto Bieri kann sich vor Anfragen kaum retten. «Und jeder Komponist geht seine Aufgabe anders an.»

Das Festival wird zum Experimentierfeld

Reto Bieri ist ein Ideen-Kraftwerk. Obwohl er gerade vom Arzt kommt, redet er ohne Punkt und Komma über seine Projekte, die er zum Teil über Jahre verfolgt. Beim kleinen, übersichtlichen und flexiblen Davos Festival ist er mit diesem Ideenreichtum bestens aufgehoben. 1986 von Michael Haefliger, dem heutigen Intendanten des Lucerne Festival, begründet (und bis 1998 geleitet), hat sich dieser Treffpunkt von gegenwärtig 80 jungen Künstlern unter Haefliger und seinen Nachfolgern Dirk Nabering, Thomas Demenga und Graziella Contratto auch zum Experimentierfeld für unkonventionelle Konzertformen entwickelt.

Es gibt, zum Beispiel, den Festivalbrunch am See. Es gibt musikalische Wanderungen, in denen es von Alp zu Alp oder von Kirchlein zu Kirchlein geht in der eindrucksvollen Bergwelt des Landwassertals. Es gibt den «Zwischenhalt», kurze Konzerte zur besten Umsteigezeit in der Bahnhofshalle von Davos Platz. Dort erlebe ich am Samstagnachmittag vor bunt zusammen gewürfeltem Publikum das Monet Bläserquintett und den famosen Perkussionisten Fabian Ziegler. Es gibt Workshops, und es gibt schliesslich dieses Klavier, das vor dem Hotel Schweizerhof steht und Passanten dazu einlädt, selber in die Tasten zu greifen.

Solches Spiel ist absichtsloses Tun, ist Hingabe an den Moment. Fehlt uns das heute? «Rettet das Spiel!», hat der Neurobiologe Gerald Hüther ein Buch betitelt, das er zusammen mit dem Philosophen Christoph Quarch geschrieben hat. «Der Titel ist Quatsch», sagt Hüther bei seinem Auftritt in Davos: «Es müsste heissen: Rettet den Menschen!» So wichtig also ist das Spiel.

Deshalb hat der Dadaist Kurt Schwitters denn auch erklärt: «Ein Spiel mit ernsten Problemen, das ist Kunst.» Diese Kunst, sagt Reto Bieri, «muss sich auf höchstem Niveau bewegen. Aber sie muss auch ihren Weg unter die Menschen finden. Ein Musikfestival muss uns etwas angehen, es muss eine Region ernst nehmen mit dem, was sie hat.» Als Klarinettist, der mit Volksmusik aufgewachsen ist, hat er selber keinerlei Berührungsängste. Im Gegenteil. Tiefe Neugier treibt ihn. Und so hat er denn am vergangenen Mittwoch die Fans des Hockey Club Davos mit seinen Fangesängen gegen den Davos Festival Kammerchor antreten lassen. Moderiert wurde der Anlass von einem Fachmann: von Bernard Thurnheer.

«Ich wollte, ich wäre Berufsboxer»

In solchen Spielanlagen liegt auch immer ein Witz, der ins Grundsätzliche führt. Den Künstlern gefällt es sehr, auszubrechen aus dem Korsett des «ernsten» Konzertbetriebs. Manche haben daraus auch eine Geschäftsidee gemacht. Die Gruppe Male Instrumenty aus Polen spielt auf Spielzeuginstrumenten und anderen seltsamen Konstruktionen Chopin, was überraschend und auch anrührend wirkt. Zwischen zwei dem Jazz eng verbundenen Sonaten von George Antheil, die Grimaître mit wilder Energie spielt, liest Tom Tafel aus Antheils Autobiografie jene Passage, in der beschrieben wird, wie er

im Konzert schwitzt wie ein Schwein. Und die mit dem Seufzer endet: «Ich wollte, ich wäre Berufsboxer. Die nächste Runde gegen den Steinway wäre in kurzen Hosen viel bequemer.»

Bei Moritz Eggerts Stück «Hämmerklavier», diesem Gipfel an Wildheit, hätten Grimaître auch kurze Hosen nichts genützt. Immerhin: Er tritt barfuss an, weil er neben den Händen die Füsse, den Mund und sogar das Hinterteil braucht.

Das gefundene und wieder versiegte Gold

Das Neue, vielleicht Befremdliche hat durchaus Tradition an diesem besonderen Ort in den Bergen. 1917 reist der vom Ersten Weltkrieg in seiner Seele schwer gezeichnete Ernst Ludwig Kirchner nach Davos zur Kur und bleibt, bis er 1938 aus dem Leben scheidet, in Deutschland als «entartet» verfemt. Seine Bilder, im Kirchner-Museum zu besichtigen, haben der Landschaft ihr ganz eigenes Gesicht gegeben.

Dort, im Kirchner-Museum, findet am vergangenen Freitagabend auch ein ganz besonderes Theaterereignis statt. Vor den von Kirchner gemalten Kulissen wird das 1931 im Gasthof zum Sand in Davos-Frauenkirch von Laienschauspielern aufgeführte Stück «Die Tochter vom Arvenhof» von Paul Appenzeller erneut gespielt. Das Publikum sitzt an alten Wirtshaustischen – und muss sich durchaus mitgemeint fühlen. Denn das kraftvolle Drama handelt nicht nur von junger Liebe und gekränkter Ehre, sondern auch von jenem sagenhaften Reichtum, den Alois Clavuott, der Bauer vom Arvenhof, unter dem Land seines Rivalen findet. Doch die Goldader versiegt, Clavuott steht vor dem Ruin. Doch die Menschlichkeit rettet ihn.

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