Dauergäste im Hotel Mama

Erwachsene Kinder bleiben in der Schweiz immer länger zu Hause. Einige machen auch mit 25 Jahren keine Anstalten, auszuziehen. Der Familientherapeut Jürgen Feigel gibt Eltern Tips, wie sie ihre Nesthocker flügge kriegen.

Katja Fischer De Santi
Drucken
Teilen
Wer seinen Kindern hinterherräumt, erzieht sie nicht zu selbständigen Erwachsenen. (Bild: fotolia/Günter Menzl)

Wer seinen Kindern hinterherräumt, erzieht sie nicht zu selbständigen Erwachsenen. (Bild: fotolia/Günter Menzl)

Vier von fünf Erwachsenen bleiben in der Schweiz bis Mitte zwanzig bei ihren Eltern wohnen. 1980 waren es nur halb so viele. Was hat sich verändert?

Jürgen Feigel: Eltern sind heute zum grossen Teil weniger autoritär, sie lassen ihren Kindern viele Freiheiten. Die Wohnungen sind grösser, Ausbildungen dauern länger, Auslandaufenthalte werden dazwischengeschoben, in den Städten herrscht Wohnungsnot. Und für viele erwachsene Kinder ist es zu Hause einfach auch wahnsinnig bequem; es wird gewaschen, gekocht, geputzt. Ziehen sie aus, wird ihr Leben anstrengender.

Heisst das, Eltern machen es ihren Kindern heute zu bequem?

Feigel: Zum Teil ja. Wer seinen Kindern ständig hinterherräumt, wird sie nie dazu bringen, selber aufzuräumen. Wenn der Sohn mit 20 Jahren immer noch nicht weiss, wie die Waschmaschine zu bedienen ist, wird es mit der Selbständigkeit schwierig. Es hat aber auch damit zu tun, dass manche Eltern ihren Kindern zu wenig zutrauen. Sie glauben, sie würden es ohne ihre Hilfe nicht schaffen.

Das heisst, es sind manchmal auch die Eltern selbst, welche ihre Kinder nicht ziehen lassen?

Feigel: Es kommt vor, dass vor allem Mütter manchmal nicht sonderlich interessiert daran sind, dass der Nachwuchs auszieht. Dieser ist ein wesentlicher Teil ihres Lebensinhaltes und lenkt eventuell auch vor eigenen und Paarproblemen ab. Ziehen die Kinder aus, fallen sie in ein Loch. Da regen sie sich lieber noch ein paar Jahre über herumliegende Wäsche und laute Musik auf.

Stimmt der Eindruck, dass vor allem Söhne den Aufenthalt im Hotel Mama gerne etwas verlängern?

Feigel: Nicht mehr, die Töchter holen in dieser Hinsicht gerade gewaltig auf.

Was spricht dagegen, dass Kinder, selbst wenn sie voll berufstätig sind, noch zu Hause wohnen?

Feigel: Vollumfänglich Verantwortung für sich und sein Leben zu übernehmen, das gelingt zu Hause bei den Eltern nur sehr selten. Die Kinder bleiben in Anwesenheit ihrer Eltern immer Kinder und von diesen abhängig. Irgendwann wird es aber Zeit, dass Kinder ihre eigenen Entscheidungen fällen, auch wenn diese in den Augen der Eltern falsch sind.

Das heisst, irgendwann wird es Zeit, die geliebten Kinder aus dem Nest zu schubsen?

Feigel: Ja, gerade wenn die volljährigen Töchter und Söhne sich in ihrem Nest derart wohl fühlen, dass sie beruflich und schulisch nicht mehr vorwärts machen, da sie keinerlei Existenzprobleme spüren.

Wie wirft man seine Kinder pädagogisch korrekt aus dem Haus?

Feigel: Sicher nicht im Streit. Und besser auch nicht erst, nach x-maligem Androhen. Besser in einem ruhigen Moment nachfragen, wie es um die Lebensplanung des Sprösslings bestellt ist. Sich dabei nicht scheuen, die eigenen Wünsche zu formulieren. Wenn es nicht anders geht, kann man auch eine zeitliche Limite setzen und Hilfe bei der Wohnungssuche, den Finanzen, dem Umzug anbieten. Und man sollte darauf vorbereitet sein, dass das Kind zuerst einmal etwas schmollt.

Ihr Buch richtet sich aber vor allem an Eltern, welche das Zusammenleben mit ihren erwachsenen Kindern weniger konfliktreich gestalten möchten. Warum ist dies denn so schwierig?

Feigel: Wenn erwachsene Menschen erwachsenen Menschen im selben Haushalt Regeln machen, kommt es immer wieder zu Konflikten.

Ihr wichtigster Rat?

Feigel: Versuchen Sie Ihre Kinder wie Erwachsene zu behandeln. Mischen Sie sich nicht dauernd in ihre Angelegenheiten ein und halten Sie sich mit Ratschlägen zurück. Aber stellen Sie im Gegenzug auch klare Regeln für das Zusammenleben auf.

Was aber, wenn der Nachwuchs es nicht einmal schafft, sein Zimmer aufzuräumen?

Feigel: Junge Erwachsene haben oft sehr eigene Ansprüche an die Sauberkeit. Damit muss man ein Stück weit leben. Wenn es aber wirklich unhygienisch wird, müssen Eltern eingreifen und Putzregeln aufstellen. Werden diese konsequent ignoriert, dürfen die Eltern für die Putzleistungen von den Kindern einen finanziellen Anspruch erheben.

Sollten erwachsene Kinder zu Hause Geld abgeben?

Feigel: Auf jeden Fall. Eltern dürfen bei ihren Kindern, so diese Geld verdienen, ein angemessenes Kostgeld einfordern.