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Das Revival der Rollschuhe

Jahrelang waren Inliner hip. Rollschuhe? Vergessen. Nun scheint sich der Wind zu drehen. Immer mehr Leute entdecken die trendigen Quadskates für sich. Sind die Rollen nebeneinander, lädt das nicht zuletzt zum Tanzen ein.
Susanne Holz

Ich war zehn Jahre alt und sauste allen davon. Vorbei an Maisfeldern und Bahngleisen, ein asphaltierter Weg mitten auf dem Land – keine Autos, nur ein paar Bauernhöfe und Industriebauten ab und zu. Das Gefühl von Dynamik und Freiheit, das mir mein erstes paar Rollschuhe verlieh, habe ich bis heute nicht vergessen. Nie konnte ich Ski fahren und war dank eines miesen Ballgefühls im Schulsport stets das schwarze Schaf – auf Rollschuhen aber fühlte ich mich wie Pippi Langstrumpf und die rote Zora in einer Person.

Das Gefühl von damals

Und dann, einige Jahrzehnte später: Die zwei älteren Kinder fahren Inliner, und selbst ist man seit Ewigkeiten nicht mehr auf Rollen gestanden; möchte man das Gefühl von damals wieder aktivieren, kauft man sich Inlineskates. Und dann? Nix Pippi und schon gar nix rote Zora. Die vier Rollen in einer Reihe machen einen leicht schwindlig, und wenn es ans Bremsen geht, scheint wirklich alles zu spät zu sein.

Freiheit? Dynamik? Fehlanzeige. Inliner mögen cool sein, aber allem Anschein nach nicht für mich. Ich wünsche mir die Rollschuhe von früher wieder herbei. Vorne zwei Rollen, hinten zwei Rollen, einer gewissen Grundstabilität inklusive. In den USA sollen sie ohnehin seit einiger Zeit wieder Trend sein – habe ich gehört.

Rollschuhe unter «Vintage»

Leider sind sie es bei hiesigen Sportgeschäften noch nicht. Hier gehört immer noch den Inlinern die Alleinherrschaft. Man surft ein bisschen im Internet und stellt freudig ist: In den USA sind Rollschuhe tatsächlich hip. Sie werden von wahnsinnig gutaussehenden Frauen in sehr kurzen Hosen und sehr langen Haaren gefahren. Ich bestelle zwei Paar beim Roller Derby House: Die Modelle aus den Siebzigern, mit verstellbarer Metallschiene unten und roten Lederriemen oben, die gibt es im Internet auch: gebraucht und unter dem Begriff «Vintage» und mit der Empfehlung, sie als Schaufensterdekoration zu verwenden.

Als die Rollschuhe endlich mit der Post eintrudeln, sind meine Töchter und ich sehr aufgeregt. Doch nach einer ersten Testfahrt ist ihr Urteil schnell gefällt: «Rollschuhe sind voll einfach zu fahren. Es geht nicht so zack, zack, zack.» Sie würden sehr hübsch aussehen in ihrem Pink, aber sie seien einfach zu langsam, befinden meine Töchter. Sie gehören eindeutig der Generation Inliner an. Ich könnte ihnen ja vermutlich auch keine Schreibmaschine schmackhaft machen, und hätte sie noch so ein hübsches Design.

Sie sind langsamer

Schliesslich steige ich selbst in die neuen hellblauen Rollschuhe, die nun dank Internet meine verschmähten Inliner ergänzen. Vorsichtig drehe ich ein paar Runden. Freiheit? Dynamik? Hm. Die Erinnerungen an Maisfelder, Bahngleise, schnelles Gleiten und Märzwind um die Nase sind um einiges flotter. Aber ich bin halt auch keine unerschrockene Zehnjährige mehr. Und die neuen Rollschuhe? Sind sie nicht tatsächlich ein bisschen langsam? Vermutlich sollte man sie benützen, um mit ihnen zu tanzen oder mit ihnen den Gotthard runterzusausen – wie Özel Özkan das getan hat und ersteres immer noch tut.

Einst den Gotthard hinunter

Auf Özkan stosse ich bei meiner Recherche zu den Rollschuhen: 50 Jahre alt, Vater von zwei Kindern, fliegender Coiffeur in Zürich (Flying Scissor) sowie ein absoluter Experte in Sachen Rollschuhe. Oder besser gesagt in Sachen Quadskates, wie die international übliche Bezeichnung lautet.

In den Neunzigern ist Özel Özkan tatsächlich die Serpentinen des Gotthards bis nach Airolo runtergesaust – auf Rollschuhen. «Wir sind jeweils kurz vor Ostern mit dem Bus hoch. Im ersten Jahr waren wir sechs oder acht Leute, ein paar Jahre später waren wir sicher 50 Personen.» Es muss eine lustige Truppe gewesen sein damals. Özel Özkan präsentiert ein Foto von sich auf den Serpentinen, als Sanitäter verkleidet und natürlich auf vier Rollen.

Rollschuhe sind sozialer

«Es gab eine Zeit», erzählt der Familienvater, «da habe ich mich ohne Rollschuhe unvollständig gefühlt, Rollschuhe waren damals meine grosse Leidenschaft.» Doch hat der Zürcher keineswegs den Rausch der Geschwindigkeit gesucht auf den Quadskates. Nein, ihm ging und geht es in der Hauptsache um den Twist: «Rollschuhe sind ideal zum Tanzen. In ihnen ist man beweglich und kann sich drehen.» Rollschuhe seien deshalb auch sozialer als Inliner – man tanze zusammen, bringe sich gegenseitig Schritte bei. «Es ist ein Weitergeben von Erfahrung.»

Rollerdisco einmal im Monat

Özel Özkan kam in den Achtzigern zu den Quadskates: «In Zürich, auf der Landiwiese. Das Rollodrom, eine Vermietstelle für Rollschuhe, war unser Treffpunkt und mein Wohnzimmer für zehn Jahre. Wir waren Exoten damals. Später haben wir Rollschuhdiscos organisiert. Und sind mit Rollerdisco.ch auch zum grössten Vermieter von Rollschuhen in der Schweiz geworden.» Seit sechs Jahren organisiere man im «Xtra» am Limmatplatz in Zürich einmal pro Monat eine Rollschuhdisco: «Die Leute kommen aus St. Gallen, Solothurn, Luzern, Zug – sie kommen, um zu lachen und Spass zu haben. Man fällt hin, fährt im Kreis, hält sich aneinander fest – nach einer Stunde lächeln alle.»

Inliner waren nie das Ding des Zürchers. «Klar fährt man mit ihnen höher, weiter, schneller. Aber mein Gebiet ist der Tanz – nicht der Wettkampf.» Auch Özel Özkan hat beobachtet: «Der Wind hat gedreht. Seit einigen Jahren werden Rollschuhe wieder beliebter.»

Szenetreffen in Barcelona

Aktuell freut sich Özkan auf den Herbst: Vom 18. bis 20. September findet in Barcelona die Skate-Convention Skatelove statt. «Es ist das grösste Treffen für Quadskater in Europa. Ohne Startnummern und Auszeichnungen. Man trifft sich, tanzt, flirtet. Das Publikum kommt aus Berlin, Amsterdam, Paris, London, Zürich.» Özel Özkan fügt an, und es klingt sympathisch, nicht angeberisch: «Man zeigt, was man kann – gute Skater haben eine exhibitionistische Ader.»

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