Das Reisebüro bleibt

Rund 400 Aussteller präsentieren sich ab heute an der St. Galler Ferienmesse – darunter viele Reisebüros. Werden sie sich trotz Internet behaupten? Experten sind hoffnungsvoll und raten zu Spezialisierung.

Diana Bula
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Mal online, mal offline: Die Beratung im Reisebüro funktioniert nicht mehr nur über Kataloge. (Bild: Michel Canonica)

Mal online, mal offline: Die Beratung im Reisebüro funktioniert nicht mehr nur über Kataloge. (Bild: Michel Canonica)

Weltenbummler, die im Internet buchen, Reiseberater, die an Wissensvorsprung einbüssen, und der Konzern Kuoni, der keine Reisen an Private mehr verkauft: Wird es Reisebüros in ein paar Jahren noch geben? «Ja», ist Christian Laesser, Professor für Tourismus an der Universität St. Gallen, überzeugt. Die Zahlen zur These: Durchschnittlich haben die 2000 Schweizer Reisebüros 2014 je 4,7 Millionen Franken umgesetzt. Das sind gemäss dem Schweizer Reise-Verband (SRV) 2,9 Prozent mehr als 2013.

«Viele Ferienmachende sind zu bequem, um selber zu buchen. Oder sie wünschen sich für längere komplexere Touren fachmännische Unterstützung», begründet Laesser den Zulauf trotz Internet. Bei teuren Reisen gehe es darum, das finanzielle Risiko klein zu halten. 1600 Reisebüros nehmen am Garantiefonds der Schweizer Reisebranche teil; ginge der Vertragspartner vor oder während des Trips Konkurs, würde der Garantiefonds bereits bezahlte Gelder zurückerstatten oder die Rückreise finanzieren.

Vulkan lehrt Umdenken

Ferien sind zu kurz, um sie mit Pannen zu vertrödeln. Die Angst vor unperfekten Reisen, sie habe den Reisebüros nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull 2010 in die Hände gespielt – und die Wende gebracht, sagt Prisca Huguenin-dit-Lenoir, Mediensprecherin von Hotelplan Suisse. Viele gestrandete Touristen, die online Einzelleistungen gebucht hätten, waren auf sich alleine gestellt und hätten damals erfahren, welche Vorteile ein Reiseveranstalter in einer misslichen Lage biete. Der SRV spricht von mehr als einer Wende – von einer Renaissance der Reisebüros.

Der Anteil an Online-Buchungen nimmt deswegen nicht ab. Bei Hotelplan Suisse stieg er 2014 um 30 Prozent. «Die Anzahl Buchungen in den Reisebüros nahm aber ebenfalls zu», betont Huguenin. Der «Strukturwandel» bedrohe die Reisebüros nicht mehr. Auch, weil man reagiert habe. «Wir bilden unsere Berater entsprechend aus und spezialisieren sie.» Sitzt der Experte für Patagonien in Bern, der Kunde aber in der Filiale in St. Gallen, zapft der Ostschweizer Berater das Know-How des Kollegen in der Hauptstadt an. «Wir vernetzen heute, das war nicht immer so.»

Mal im Internet, mal im Reisebüro: Die Mischform von On- und Offline hat nicht nur die Kunden, sondern auch die Reisebüros erreicht. «Alle unsere Filialen verfügen über WLAN. So kann der Kunde dem Experten auf dem Tablet-Computer oder Smartphone ein Hotel zeigen, das er ins Auge gefasst hat. Oder umgekehrt», sagt Huguenin. Sind die Tage der Kataloge gezählt? Die Mediensprecherin verneint: «Als Inspirationsquelle haben sie Bestand, als reine Informationsquelle weniger.» Der Umfang sei bereits reduziert worden, ebenfalls die Auflage.

Immer spontaner

Reisen werden am Computer gekauft, am Smartphone allerdings noch selten, wie eine Analyse der Forschungsgemeinschaft für Urlaub und Reisen in Deutschland ergeben hat. Das Smartphone verändere jedoch das Reiseverhalten, sagt Tourismus-Professor Laesser: «Immer mehr Menschen zögern die Entscheidung, wohin der Trip genau führt, hinaus. Sie informieren sich erst vor Ort und buchen unterwegs.» Dieses freie Herumreisen – analog zur Reiseart der Backpacker, jedoch auf gehobenerem Niveau – werde zunehmen, prognostiziert Laesser. «Die Reiseveranstalter werden ihren Support vor Ort ausbauen müssen, wenn sie sich Zusatzerträge sichern wollen.» Apps oder Webseiten mit Restaurants-, Ausflugs- und Ausgehtips für die Destination, das war bisher Sache der Tourismusorganisationen. Bald könnten grosse Reiseveranstalter mitmischen.

Yachtcharter als Nische

Und die kleinen Reisebüros? Ihnen rät Laesser, sich ebenfalls zu spezialisieren. Ein Blick auf die Ausstellerliste der Ferienmesse in St. Gallen zeigt, das viele auf gutem Weg sind. Fischer-, Jagd-, Jassreisen, das Angebot ist so vielfältig wie der Globus und seine Bewohner. Marcel Strahm etwa, Jurist und Unternehmensberater, bietet als Inhaber der Nautic Travel AG in Rapperswil Schiffsreisen und Yachtcharter weltweit an. Als langjähriger Hochseesegler hat er sein Hobby zum Beruf gemacht. Das Erfolgsrezept? «Kompetente Beratung, eigene Begeisterung fürs Produkt. Und ich sitze um 23.15 Uhr noch im Büro, beantworte Anrufe und E-Mails. Diese Flexibilität fehlt den Grossen.»

«Am richtigen Ort»

Auch Stefan Forster von der Wiler Firma Photocube hat das Reisen mit seiner Leidenschaft gekoppelt. Der Berufsfotograf organisiert Trips in die Antarktis, nach La Gomera oder Namibia. Dabei zählen nicht die Reiseerlebnisse, sondern das, was die Kamera einfängt. «Ich bringe die Teilnehmer im richtigen Moment an den richtigen Ort. Sie brauchen nur noch auf den Auslöser zu drücken», sagt Forster. In Schottland zum Beispiel dürfen Teilnehmer nicht mehr als 30 Sekunden benötigen, bis die Ausrüstung bereit ist. «Die Witterung ist so unbeständig, dass der ideale Moment rasch vorbei ist.»

Hobbyfotografen mit gleicher Geschäftsidee sind die Konkurrenz von Forster, nicht das Internet. «Wenn ein gutverdienender Zahnarzt, der gerne fotografiert, zur Fotoreise lädt, weil er nicht alleine losziehen will, kann er sie zum Selbstkostenpreis anbieten. Ich nicht. Ich muss davon leben können.»

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