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Das Recht des Menschen, selber zu entscheiden

Gestern sind die Balzan-Wissenschaftspreise für 2012 bekanntgegeben worden. Bekanntester Preisträger ist der gerade in religiösen Dingen sehr streitbare US-Philosoph Ronald Dworkin.
Rolf App

Die Aula der Universität Bern war prall gefüllt, als letzten Dezember der damals 80jährige Ronald Dworkin seine «Einstein Lectures» hielt. Dworkin sprach ohne Manuskript, er wirkte fragil, aber ausserordentlich präsent. «Religion without God» lautete sein Thema, anknüpfend an Einsteins Bekenntnis, er sei zwar Atheist, aber dennoch religiös.

Das Zentrum wahrer Religiosität

Religionen «mit» Gott seien «lediglich eine der Manifestationen eines <tieferen menschlichen Impulses>», fasste die NZZ Dworkins Haltung zusammen. Das Empfinden «höchster Weisheit und strahlendster Schönheit» angesichts des unergründlichen Universums mache das Zentrum wahrhafter Religiosität aus. Eine solchermassen «gottlose» Religion pflegten jene Menschen, die an etwas glauben, was «grösser ist als wir».

Was Ronald Dworkin im Zusammenhang Einsteins skizzierte, hat tiefgreifende Konsequenzen im Alltag. Denn, sagt er in einem Interview, «religiös zu sein heisst auch, seine Aufmerksamkeit auf die grossen Fragen des Lebens zu lenken.»

«Gerechtigkeit für Igel»

Diese Fragen sind es auch, denen sich der 1931 geborene Rechtsphilosoph in einer sehr langen Lehrtätigkeit und in zahlreichen Büchern gewidmet hat – und für die er nun zusammen mit drei Wissenschaftern anderer Fachbereiche (siehe Kasten) mit dem diesjährigen Balzan-Preis geehrt wird. Auch Dworkins neuestes Buch greift ins Grundsätzliche aus – obschon sein Titel «Gerechtigkeit für Igel» auf eine falsche Fährte führen kann. Es handelt sich nämlich nicht etwa um ein Plädoyer für Tierrechte oder die Bestrafung gieriger Hedgefonds-Manager (der englische Titel lautet: Justice for Hedgehogs).

Die «grosse Sache»

Der Titel bezieht sich vielmehr auf einen – vom Philosophen Isaiah Berlin in die Diskussion geworfenen – Vers des griechischen Dichters Archilochos: Der Fuchs weiss viele Dinge, aber der Igel weiss eine grosse Sache.

In der Welt der Füchse gibt es unauflösbare Wertkonflikte, die Isaiah Berlin in einen anderen Tiervergleich fasst: Die vollkommene Freiheit der Wölfe ist nicht mit der uneingeschränkten Freiheit der Lämmer kompatibel.

Gegen diesen mächtigen Wertepluralismus wendet sich Ronald Dworkin. Er verficht eine «grosse Sache», das heisst die Idee, dass ethische und moralische Werte voneinander abhängen. Dass es ein übergeordnetes moralisches Wertesystem gibt, an dem sich der einzelne und auch der Staat ausrichten soll.

Wie kann dieses Wertesystem aussehen? Dworkin formuliert zwei übergeordnete Prinzipien für eine legitime Regierung: «Sie muss zum einen das Schicksal aller ihr unterstehenden Personen gleichermassen berücksichtigen und zum andern der Verantwortung und dem Recht einer jeden Person, selbst zu entscheiden, wie sie ihrem Leben Wert verleihen will, höchste Achtung zollen.» Der Staat muss also für Gerechtigkeit sorgen und in einem gewissen Mass Gleichheit anstreben. Er darf aber die Entfaltung des Menschen nicht behindern. Dworkin spricht in diesem Zusammenhang vom «allgemeinen Recht auf ethische Unabhängigkeit», das die Religionen schützt, das aber mehr umfasst als reine Religionsfreiheit.

Kritik am Minarettverbot

In seinen Berner Vorträgen hat Ronald Dworkin auch das 2009 in einer Volksabstimmung beschlossene Minarettverbot in der Schweiz einer Kritik unterzogen. Dieses Verbot bedeute eine pauschale Verurteilung der moslemischen Religion und Kultur, deshalb widerspreche es dem «Recht auf ethische Unabhängigkeit» ebenso wie ein Verbot von Kopftuch oder Burka. Alle drei seien private religiöse Äusserungen. Etwas anderes wäre es, wenn Menschen zu bestimmten religiösen Praktiken gezwungen würden.

Die Tochter darf Nein sagen

In der «Berner Zeitung» hat Dworkin dies erläutert am Beispiel des Vaters aus der Türkei, der für seine Tochter einen Ehemann aussuchen will: «Darf der Vater für seine Tochter einen Mann aussuchen? – Ja. Darf die Tochter Nein sagen? – Ja.» Überschreitet der Vater die Linie des Überzeugens, dann muss das Gesetz die junge Frau schützen. Denn: «Niemand kann für sich ein Recht in Anspruch nehmen, dass sein Glaube der richtige sei.»

Ronald Dworkin: Gerechtigkeit für Igel, Suhrkamp 2012, Fr. 69.–

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