«Das Leben zeigt, wo man hingehört»

Bettina Kugler
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Die Rolle des Hamlet am Theater St. Gallen zu spielen, das war für mich zugleich eine Premiere und ein Heimspiel, ein Nach-Hause-Kommen. «Was machst du denn hier?», fragten mich manche einstigen Kollegen aus den Werkstätten. Nach der Matura habe ich ja eine Weile als Beleuchtungsaushilfe hier am Theater gearbeitet; diese Zeit mochte ich sehr.

Umso schöner, nun einmal auf der Bühne zu stehen, gemeinsam mit Schauspielern, die ich damals schon bewunderte: Diana Dengler, Matthias Albold, Marcus Schäfer. Ich habe mich sehr gefreut, als Schauspieldirektor Jonas Knecht im Frühjahr fragte, ob ich in seiner ersten Spielzeit den Hamlet spielen möchte. Ein Festengagement am Theater St. Gallen wäre mir aber zu nah an meinem Zuhause gewesen. Im Moment lebe ich in Zürich und bin oft in München; dort lebt mein Freund. In der laufenden Spielzeit mache ich fünf Produktionen, zwei davon in St. Gallen – auf «Hamlet» folgt Ferdinand von Schirachs «Terror» Ende Januar. Im Frühjahr werde ich am Schauspiel Frankfurt und am Theater Winkelwiese arbeiten, es passt zeitlich stets gut, dass auf eine Premiere sofort die Proben für das nächste Stück beginnen. Gerade geniesse ich den Luxus, nur Dinge zu machen, die mich reizen; da kann das Stück ausschlaggebend sein, das Haus oder das Team. Ich muss nicht jedes Angebot annehmen. Das kann aber auch wieder anders werden.

«Für eine Neuentdeckung bin ich schon zu alt»

Während Hamlet hatte ich oft mit Selbstzweifeln zu kämpfen; ich fragte mich, ob ich es packen würde. Das liegt wohl in der Figur selbst begründet; auch er weiss ja nicht, was er tun soll, zweifelt an allem. Es hat mich gereizt, mich abzuarbeiten an der grossen Theatertradition, die diese Rolle auf dem Rücken trägt. Ich mag Stücke, die anstrengend sind, bei denen man nach einer Vorstellung richtig körperlich erschöpft ist. «Hamlet» ist einfach eine Wahnsinnsgeschichte und sehr relevant für unsere Zeit. Sätze wie «Die Zeit ist aus den Fugen» kann man realpolitisch sehen. Man fühlt sich unendlich machtlos in diesem Stück.

Zwischen den Jahren drehe ich einen Low-Budget-Film, doch für eine Filmkarriere habe ich vermutlich den richtigen Zeitpunkt verpasst. Als Neuentdeckung bin ich schon zu alt mit Anfang dreissig. Ich bin oft sehr pessimistisch, glaube aber an das Leben. Es bringt einen dorthin, wo man sein soll. Im kommenden Jahr werde ich noch einmal nach Brüssel gehen und dort tanzen; das hat mir die Ausserrhodische Kulturstiftung ermöglicht. Ich möchte noch freier werden, weniger Angst vor Fehlern haben. Und dann wäre es vielleicht auch langsam Zeit für ein Kind.»

Notiert: Bettina Kugler