Das Leben als Liste

Den Kehricht rausstellen, den Traummann finden, durch die Mongolei reiten: Viele Menschen notieren, was sie erledigen müssen und erleben wollen – heute, morgen oder ehe es zu spät dafür ist. Was solche Listen bringen.

Diana Bula
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St. Gallen - Bucket List Things to do für Focus (Bild: Ralph Ribi)

St. Gallen - Bucket List Things to do für Focus (Bild: Ralph Ribi)

Andi Perullo de Ledesma war schon in fünfzig Ländern auf sechs Kontinenten. Der siebte fehlt ihr noch. Er steht deshalb auf ihrer Lebensliste, an Stelle zwei. An Stelle eins: ein Baby bekommen. Punkt drei (ein eigenes Unternehmen gründen) ist durchgestrichen – weil 2009 erreicht. Die US-Amerikanerin führt seither ein Wellness Center. Auch fliegen lernen will Andi noch. Und wird sie jemals auf dem Dach eines Zuges mitfahren? Ins Weltall reisen?

Solche Listen sind beliebt. Besonders in der Zeit um den Jahreswechsel, in der Menschen bilanzieren und prognostizieren, aber auch sonst. Bücher mit Titeln wie «101 Dinge, die ein Wanderer wissen muss» oder «1000 places to see before you die» vermehren sich in den Ladenregalen auf wundersame Weise. Was darauf hindeutet, dass sie auch gekauft werden. Denn Menschen mögen Listen. Vielleicht, weil etwas Struktur guttut, wenn das Leben mit Kriegen, Katastrophen, sich schnell entwickelnder Technik, Wettbewerb im Job um uns herumtobt. Vielleicht auch nur, weil der Kassenschlager «The Bucket List» animiert hat, Lebensträume auf Papier zu bannen – bevor man sterbenskrank ist wie Milliardär Edward Cole (Jack Nicholson) und Automechaniker Carter Chambers (Morgan Freeman), die Protagonisten im 2007 erschienenen Film.

Flaschenpost und Blutspende

Die gleichnamige Homepage www.buckelist.org versammelt sie, die unverwirklichten und realisierten Wünsche von Menschen aus aller Welt. Über zwei Millionen Lebensziele sind so bereits zusammengekommen. Lernen, selber Pasta zu machen: 324 Menschen wollen das, 157 haben den Plan bereits verwirklicht. Die Nordlichter sehen: 7986 träumen davon, 396 haben sie schon bestaunt. Klavier spielen lernen, Bungee Jumping, eine Flaschenpost verschicken, Blut spenden: poetisch, sozial engagiert, naheliegend, alles ist dabei.

Diese Listen und Wünsche stehen im Internet. Wer sich durch sie klickt, fühlt sich dennoch wie ein Eindringling in eine private Welt. US-Autorin Sasha Cagen vergleicht das Gefühl mit «der schuldigen Freude, in den Medizinschrank, Kühlschrank oder auf den iPod» anderer zu schauen. «Es ist Alltags-Voyeurismus, aber es ist auch therapeutisch. Wir alle fragen uns, ob wir normal sind. Und ob wir die einzigen sind, die noch nicht alles herausgefunden und erlebt haben», sagte sie gegenüber der britischen Zeitung «The Independent». Auf ihrem Online-Portal (www.todolistblog.blogspot.com) veröffentlicht Cagen die Listen, die Menschen ihr zuschicken. Sie definieren Vor-der-Hochzeit-Ziele (keine Schokolade mehr essen), Songs für selbstgemachte Kassetten, eine ideale Welt oder bestehen aus Notizen, wie sich Geld machen lässt (Frank-Sinatra-LPs auf eBay verkaufen).

Ein Vertrag mit sich selber

Es scheint nichts im

Leben zu geben, dass

sich nicht verlisten lässt. Und Promis finden daran ebenso Gefallen wie wir Normalos. So soll sich Sänger Johnny Cash einst mittels To-do-Liste vorgenommen haben, seine June und nur noch sie zu küssen. Der Künstler Michelangelo bekritzelte seine Einkaufsliste nicht nur mit Wörtern, sondern auch mit Skizzen. Und sogar der ehemalige US-Präsident Bill Clinton hat noch Träume: Auf seiner Liste stehen ein Ritt durch die Mongolei – und eine Kletterpartie auf den Mount Kilimanjaro. Vergessen würden Clinton und all die anderen diese Wünsche nicht. Und dennoch halten sie sie fest. Weshalb? «Als eine Art Commitment. Damit verpflichten sie sich selber, die Liste auch wirklich abzuarbeiten. Sie verleiht dem Vorhaben einen offiziellen Anstrich», sagt Psychiater Torsten Berghändler, der in Herisau und Gais eine Praxis führt.

Vertagen, vertagen, vertagen

So viel zu den angenehmen Listen. Doch es gibt auch die anderen Exemplare, jene, die an ungeliebte, aber nötige Pflichten erinnern. An die Steuererklärung etwa. «Wir neigen dazu, lästige Aufgaben zu verdrängen. In diesen Fällen dient eine Liste dazu, dass die To-dos nicht vergessen gehen», sagt Berghändler. Ein bisschen Aufschieben, das ist menschlich. Manche vertagen ihre Pflichten jedoch so oft, dass es krankhaft ist und sie darunter leiden. Prokrastination nennt sich das. Die Psychologische Beratungsstelle der Universität Zürich etwa bietet eine Prokrastinations-Sprechstunde für Studierende an, die immer erst auf den letzten Drücker lernen. Und deutsche Hochschulen veranstalten eine «Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten». Studenten erledigen dann gemeinsam bis in die frühen Morgenstunden Aufgaben, die schon lange fällig gewesen wären. «Die Prokrastinasten, die ich kenne, arbeiten alle mit Listen. Diese bringen aber wenig. Die Störung ist stärker», sagt Berghändler.

Die Liste und die Liebe

Listen schreiben und sich daran halten, das ist laut Berghändler etwas für Menschen, «die es ordentlich und genau mögen, die vielleicht auch etwas Zwanghaftes an sich haben». Die Aufstellungen sinnvoll zu verwalten, bedeutet Arbeit. Der Verfasser beurteilt sich und seine Situation stets neu, passt Punkte an, streicht welche, fügt andere hinzu. Gelingen Selbstreflexion und Konsequenz, so helfen Listen nicht nur, Dinge nicht zu vergessen. Sie schaffen Klarheit, auch dann noch, wenn der Kopf im Chaos schon lange brummt. Gelegentlich finden sogar die rationale Liste und die irrationale Liebe zusammen. Der Traummann, wie soll er sein? «Manchmal gelingt es Menschen erst, die wichtigen von den unwichtigen Eigenschaften zu unterscheiden, wenn alles schwarz auf weiss da steht. Listen können Unsicheren Sicherheit geben.» Und vielleicht folgt ja das Herz.

Listen schreiben und sich daran halten, das hat aber auch etwas Spiesserhaftes und ist künstlerisch-kreativen Typen ein Greuel. Ihre Befürchtungen: Wer den ganzen Tag gesetzten Zielen nachhetze, der lebe nicht im Moment, der verpasse Spontanes. «Eine Liste als Leitfaden ist nichts Schlechtes, sofern man sich zugesteht, davon abzuweichen», sagt Berghändler. Das Essen mit Einheimischen in den vergangenen Ferien, das beobachtete Mode-Shooting im Central Park, nicht geplant, unerwartet. Und gerade drum so schön.