Das Kreuz mit dem Kreuzband

Der Riss des vorderen Kreuzbands ist eine häufige Verletzung im Fussball. Betroffen sind oft junge Menschen, die eine Stop-and-go-Sportart ausüben. Meist hilft nur eine Operation, dabei wird das vordere Kreuzband ersetzt.

Bruno Knellwolf
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Ohne Einwirkung eines Gegenspielers verletzt sich der Schweizer Nationalspieler Mario Gavranovic im WM-Training in Porto Seguro. Diagnose: Riss des vorderen Kreuzbands. (Bild: Screenshot: srf)

Ohne Einwirkung eines Gegenspielers verletzt sich der Schweizer Nationalspieler Mario Gavranovic im WM-Training in Porto Seguro. Diagnose: Riss des vorderen Kreuzbands. (Bild: Screenshot: srf)

Zwei Szenen am selben Tag, rund 10 000 Kilometer voneinander entfernt und doch so ähnlich: Die eine auf dem Trainingsplatz der Schweizer Nationalmannschaft in Porto Seguro, die andere auf einem Fussballplatz in Goldach. Am einen Ort stürzt Mario Gavranovic ohne Einwirkung eines Gegners zu Boden, am anderen ein 14jähriger C-Junior. Beide sind mit einem Schuh im Rasen hängengeblieben und beide haben sich dabei das rechte Knie verdreht.

Die Vorfälle sehen unspektakulär aus, die Folgen sind aber dramatisch. Beim Schweizer Nationalspieler wird noch am gleichen Tag mittels eines MRI (Magnetic Resonance Imaging) ein Riss des vorderen Kreuzbands diagnostiziert, beim Junior dauern die Abklärungen länger, die Diagnose ist ungewiss.

Klassische Fussballverletzung

Solche Knie-Verdreh-Traumen sind klassisch bei Stop-and-go-Sportarten wie Fussball und Skifahren. Haben die Patienten danach einen Bluterguss im Kniegelenk, ist in 70 Prozent der Fälle ein vorderer Kreuzbandriss die Ursache, erklärt Henrik Behrend, Leiter Kniechirurgie am Kantonsspital St. Gallen. Das Knie schwillt auf, weil nicht nur das Kreuzband reisst, sondern auch kleine Blutgefässe, was zu einer Einblutung im Knie führt.

Mit einem Röntgenbild lässt sich das nicht feststellen, sondern nur mit einem MRI. Das wird bei Profisportlern sofort gemacht, während das bei «normalen» Patienten weniger eilt, weil man im Falle eines Kreuzbandrisses sowieso einige Wochen mit einer Operation zuwarten würde. Zudem kann man sich ein MRI ersparen, wenn sich beim klinischen Untersuch zeigt, dass das Kniegelenk stabil ist.

Hinteres Band reisst kaum

Das vordere rund drei Zentimeter lange Kreuzband begrenzt die nach vorne gerichtete Bewegung des Oberschenkels gegen den Unterschenkel, zudem stabilisiert es zusammen mit dem Innenband gegen seitliche Kräfte. «Wenn wir von Kreuzbandverletzungen reden, reden wir zu 95 Prozent vom vorderen Kreuzband und nur zu fünf Prozent vom hinteren», sagt Behrend. Das hintere Kreuzband ist stabil und reisst nur bei sehr grossen Krafteinwirkungen, zum Beispiel bei Verkehrsunfällen.

Doch warum wird aus einem harmlos aussehenden Moment ein solches Problem? Entscheidend sind die Muskelspannung des Knies, die muskuläre Stabilität im kritischen Verdreh-Moment. Wenn das Knie nach innen einknickt, ist die Toleranz klein. Denn ein Kreuzband kann sich nur um 30 Prozent dehnen, danach reisst es. «Das vordere Kreuzband ist das schwächste Glied der Kette», erklärt der Kniespezialist. Deshalb ist die Operation des vorderen Kreuzbands sehr häufig.

Bei Kindern und Jugendlichen war man früher bei Kreuzbandrissen zurückhaltender, was die Operation betrifft. Man hatte Angst, bei einer Operation die sogenannte Epiphysenfuge im Ober- und Unterschenkel zu verletzten und damit das Knochenwachstum des Kindes zu gefährden. «Da hat aber ein Umdenken stattgefunden. Man rät heute eher zu einer Operation, weil man damit zukünftige Meniskus- und Knorpelschäden verhindern will», sagt Behrend.

Schonende Operation

Das hat auch damit zu tun, dass eine Kreuzbandoperation heute sehr schonend durchgeführt wird. «Minimal-invasiv, arthroskopisch. Man macht nur kleine Schnitte bei einer Kniespiegelung.» Ein kleiner Schnitt für die Kamera, einer für die Instrumente und einer für die Sehnenentnahme. Die Operation dauert ungefähr eine Stunde. Etabliert ist das Operationsverfahren mit einer Kreuzbandplastik. Man nimmt dazu eine körpereigene Sehne, die im Kniegelenk in gebohrte Löcher eingezogen wird.

Kreuzband nähen

Es gibt auch andere Verfahren: Früher habe man versucht, das kaputte Band zu nähen, was aber nicht immer zufriedenstellend funktioniert habe, sagt Behrend. Mit einer neuen Methode strebt man eine Verstärkung des gerissenen Kreuzbandes an. Dazu wird ins Kreuzband eine Art Feder eingebaut, die im Zeitraum der Heilung die Funktion des Kreuzbandes übernimmt. Dieses Verfahren mit einem Implantat, das die Nervenfasern im Kniegelenk schont, ist aber noch im experimentellen Stadium. Ausgeschlossen ist, dass ein gerissenes Band selbst heilt. Das Kreuzband vernarbt aber, was unter Umständen wieder eine gewisse Stabilität ergibt.

Die Nachbehandlung wird unterschiedlich gehandhabt. Die Patienten sollten nach der Operation vier Wochen nicht voll auf das verletzte Bein stehen und Gehstöcke benutzen. Sofort wird mit der Physiotherapie begonnen. Die Beweglichkeit muss wieder gewonnen und die Muskulatur aufgebaut werden. Auch das Gleichgewicht muss wieder geschult werden, weil die Nervenfasern im Kreuzband fehlen.

Ein halbes Jahr Pause

Mit Fussball sollten Operierte ein halbes Jahr warten. Das gilt für «normale» Patienten. «Bei Spitzensportlern spielen andere Faktoren hinein», sagt Behrend. Denen ist der Sport Lebensunterhalt, deshalb müssen sie so schnell wie möglich wieder auf dem Platz stehen. Das weiss der Kniechirurg aus seiner Zeit, in der er in Berlin mit Professor Hertel gearbeitet hat und mit ihm die Fussballer von Bayern München behandelt hat.

Deshalb wird bei Spitzensportlern manchmal eine andere Operationsmethode angewandt. In den USA werden statt körpereigener Sehnenteile, solche von Verstorbenen eingesetzt. Das hat den Vorteil, dass das Knie des Sportlers schneller heilt, weil er keine eigene Sehne hat hergeben müssen. Für «Normalsterbliche» macht dieses Verfahren weniger Sinn, weil durch die Sterilisationsverfahren die Haltbarkeit dieser körperfremden Ersatzkreuzbänder eines Verstorbenen kürzer ist. Bei der Standardoperation mit eigenen Sehnen bleiben in der Regel keine Schäden zurück.

Henrik Behrend Leiter Knie-Chirurgie am Kantonsspital St. Gallen (Bild: pd)

Henrik Behrend Leiter Knie-Chirurgie am Kantonsspital St. Gallen (Bild: pd)

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