Das Jahr ohne Sommer

Der Ausbruch des Vulkans Tambora am 10. April 1815 löste eine weltweite Katastrophe aus. In der Schweiz kam es im Jahr danach wegen des Ausbruchs zu Hungersnöten und Elend.

Bruno Knellwolf
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Wir fürchten uns vor allerhand Risiken – manchmal begründet, oft übertrieben. In unseren Breiten ist die Angst vor Vulkanausbrüchen nicht sehr verbreitet. Dabei ist die Gefahr realer, als man gemeinhin denkt. Genau vor 200 Jahren hatte ein riesiger Vulkanausbruch auf Tambora in Indonesien katastrophale Folgen, nicht nur dort, wo Feuer und Asche gespien wurden, sondern auch bei uns in der Ostschweiz.

Eine gewaltige Explosion

Kein Vulkanausbruch der letzten 7000 Jahre war so gewaltig wie jener des Tambora am 10. April 1815, schreibt das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern, welches zu diesem Anlass vom 7. bis 10. April eine internationale Konferenz durchführen wird. Denn tatsächlich hatte der Vulkanausbruch weitreichende verheerende wirtschaftliche und soziale Auswirkungen.

Der Vulkan Tambora brach mit einer gewaltigen Explosion aus. Tagelang warf sein Krater immer wieder grosse Mengen Asche, Magma und Gase aus. Geschätzt wird, dass 140 Gigatonnen Magma ausgeschleudert wurden, was etwa fünfzig Kubikkilometern an kompaktem Felsgestein entspricht. Dabei sprengte es gemäss den Berner Forschern Stefan Brönnimann, Renate Auchmann und Florian Arfeuille ungefähr die obersten 1500 Meter des Berggipfels weg.

Aerosole und Gase

Vor allem aber schleuderte der Vulkan riesige Mengen Aerosole und Gase in die Atmosphäre – und genau das sollte man weltweit und gerade auch in der Schweiz besonders spüren. Im achtstufigen Vulkanindex kommt der Tambora auf eine 7, als einziger Vulkan der modernen Geschichte. Der Ausbruch des Krakatau 1883 erreichte «nur» Stufe 6 dieser logarithmischen Explosionsskala.

Die Folgen in der näheren Umgebung waren katastrophal: Rund 71 000 Menschen starben auf der Insel Sumbawa und den umliegenden Inseln. Ein Jahr später machte sich der Vulkanausbruch aber auch auf der anderen Seite des Globus bemerkbar. In der Schweiz fand im Jahr 1816 kein Sommer statt. In Genf war es in der wärmsten Jahreszeit gut drei Grad kälter als in den Jahrzehnten davor. Es regnete unablässig, in den Tälern fiel manchmal Schnee. Inspiriert durch das trübe Wetter schrieb Marry Shelley am Genfersee «Frankenstein» und Lord Byron das Gedicht «Finsternis».

Hungersnot und Krankheit

Missernten und Ernteausfälle führten zu Hungersnot, Krankheiten und Epidemien. Das Getreide wurde teuer, was vor allem die Unterschichten plagte. Damals schrieb man die Misere allerdings nicht dem Tambora zu, sondern Sonnenflecken, kosmischen Nebeln, treibendem Eis im Atlantik – und natürlich gab es auch damals Technikängste, einige sahen die neumodischen Blitzableiter als Grund für das Elend.

Das Jahr ohne Sommer setzte den Menschen in einem ungünstigen Zeitpunkt zu. Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege waren ihre Vorräte erschöpft. Der Ausbruch des Tambora fiel in Europa zudem in eines der kältesten Jahrzehnte der letzten 500 Jahre.

Heute weiss man, dass die aussergewöhnlichen klimatischen Bedingungen grösstenteils dem Vulkanausbruch zuzuschreiben sind. Klimatisch relevant ist dabei nicht etwa die spektakuläre Säule aus Wasserdampf und Vulkanasche. Die ist heute für den Luftverkehr gefährlich, was aber 1815 kein Thema war. Der Klimaeffekt geht nach Stefan Brönnimann von den unsichtbaren Schwefelgasen aus, allerdings nur, wenn diese in die Stratosphäre gelangen.

In Stratosphäre eingespeist

Dazu braucht es eine explosive Eruption, so dass schnell ein heisses Luft-Gas-Magma-Gemisch entsteht. Im Fall des Tambora schoss die Eruptionssäule bei der Explosion zunächst bis in etwa 30 bis 37 Kilometer Höhe hinauf. In die Atmosphäre eingespeist werden die Schwefelverbindungen aber auf einer Höhe von 23 bis 27 Kilometern. Der Tambora schleuste besonders viel Schwefel in die Stratosphäre ein. Dort werden die Schwefelverbindungen in Schwefelaerosole umgewandelt. Diese verteilen sich mit dem Wind rasch west- oder ostwärts um den Erdball. Vulkanische Aerosole, vor allem von tropischen Vulkanen, bleiben mehrere Jahre in der Stratosphäre.

Der Ausbruch des Tambora war der stärkste Einflussfaktor auf die Sommertemperatur in der Schweiz. Es wirkten aber noch andere Faktoren mit, die, wie schon erwähnt, kühle Periode, dann gab es noch weitere grosse Vulkanausbrüche Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, die zu Regen und Kälte beitrugen. Und tatsächlich hatten auch die von den damaligen Wissenschaftern genannten Sonnenflecken ihren Einfluss, die Sonnenaktivität war 1816 besonders niedrig.

Die Forscher interessiert allerdings im Zusammenhang mit Tambora vor allem, welchen Effekt ein solcher Vulkanausbruch heute hätte. Der Berner Klimatologe Brönnimann, der die Tambora-Konferenz organisiert, vertritt die interessante These, der Tambora-Ausbruch stelle ein eigentliches Klimaexperiment dar, an dem die Wissenschaft immer wieder neue Hypothesen testen könne.

Wiederholung gut möglich

Er hält die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Vulkanausbruch wie Tambora in den nächsten Jahrzehnten wiederholen könnte, durchaus für möglich. Solche Ausbrüche gebe es alle 100 bis 500 Jahre. Auch heute würde man wie 1816 eine erhebliche globale Abkühlung erwarten. Läge der neue Vulkanausbruch wiederum in den Tropen, könnten die Schwefelsäure-Aerosole wieder einige Jahre in der Stratosphäre verbleiben und sich über den Erdball ausbreiten. Gerade auch, wenn der Schwefelausstoss ähnlich hoch wäre wie beim Tambora.

Anders als im vorindustriellen Zeitalter würde ein Ausbruch heute das Ozon in der Stratosphäre reduzieren. Denn Aerosole aktivieren Chlor, die das Ozon abbauen. Die Konzentration an menschengemachtem Chlor ist heute im Gegensatz zu 1816 gross. Mehr ultraviolette Strahlung wäre die Folge. Vulkanausbrüche beeinflussen Atmosphäre und Klima vielfältig.

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