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Das Instrument der Sieger

Hupkonzerte nach Fussballspielen gehören zur Europameisterschaft wie die Spielanalysen von Alain Sutter und Raphael Wicky. Die Hupe bestätigt sich da als Kommunikationsmittel, das mehr leistet, als auf Gefahren hinzuweisen.
Beda Hanimann
Hupen: Altbewährte Schallerzeuger, die an der Fussball-EM zu grosser Form auflaufen. (Bilder: Benjamin Manser, Fotolia)

Hupen: Altbewährte Schallerzeuger, die an der Fussball-EM zu grosser Form auflaufen. (Bilder: Benjamin Manser, Fotolia)

Nach dem Schlusspfiff gibt es kein Halten mehr. Nach dem Ende des Spiels im fernen St-Etienne oder Lyon setzt sich der Fussballfan zu Hause ans Steuer, Grobdestination Stadtzentrum. Da trifft sich die automobile Fussballgemeinde, Handballen oder Daumen auf der Hupe, lange Töne oder kurze Tonfolgen, eine Art Urschrei mit technisch verfeinerten Mitteln. So geht es in Kehren und Schlaufen durch die Stadt, ein Konvoi im Graubereich der Verkehrsgesetzgebung, die Botschaft aber ist eindeutig: Sie haben gewonnen, wir haben gewonnen!

Altes Kommunikationsmittel

Kein Zweifel also: Die Hupe ist zwar ein einfaches «Gerät zur Erzeugung von Schallzeichen», wie es bei Wikipedia heisst. Sie ist aber auch Kommunikationsmittel und Informationskanal. Etwas archaischer als Twitter, SMS oder Radionachrichten, aber immerhin: Wer weiss, wer gespielt hat, und wer die Bevölkerungsstruktur seiner Stadt in etwa einschätzen kann, der kann allein aufgrund der Hup-Intensität sagen, wer gewonnen hat.

Fussballfans nutzen damit eine Funktion, die der Hupe lange vor der Erfindung des Fussballspiels und des Fanwesens zugedacht war. Hupen und ihre Vorläufer, die Hörner, riefen die Soldaten zur Schlacht oder zum Einrücken, Hornsignale begleiteten die Jagd. Und auf Eisenbahnbaustellen war einer postiert, um die Krampfenden mit durchdringenden Hornstössen auf das Herannahen eines Zuges aufmerksam zu machen.

Distanzen überwinden

Die Hupe bietet sich also dort an, wo die direkte menschliche Kommunikation nicht mehr möglich ist. Sei es wegen zu grosser Distanzen, sei es wegen hoher Geschwindigkeiten. Dass sie im Strassenverkehr unverzichtbar wurde, ist also einleuchtend. Jedes Fahrzeug mit mehr als 50 Kubikzentimetern Hubraum muss von Gesetzes wegen über eine Hupe verfügen, damit andere Verkehrsteilnehmer vor drohenden Gefahren gewarnt werden können. Überraschend eigentlich, dass daraus nicht mehr wurde. Warum ist nie einer auf den Gedanken gekommen, das Morsesystem mit der Autohupe zu kombinieren und so eine etwas subtilere Art der Verständigung zu ermöglichen?

Immerhin gibt es Hupen, die mit speziellen Klangfolgen und eigener Tonalität etwas detailliertere Informationen zur drohenden Gefahr vermitteln. Ambulanz, Polizei, Feuerwehr oder Postauto haben ihre eigene Tonspur, die sogar von Land zu Land unterschiedlich und unverwechselbar ist. Am Ende aber sollen sie alle dasselbe, Sondersignale wie hundskommune Hupen: Warnen, aufmerksam machen. Am Ende sagen sie alle: Platz da, ich komme! Und sie sagen: Ich komme – und ich habe nicht die Absicht, abzubremsen oder Rücksicht zu nehmen.

Reichsäpfel des Verkehrs

Damit wird die Hupe zum Instrument der Mächtigen und Stärkeren. Zum Instrument derer, die wie die Ambulanz oder die Feuerwehr von Gesetzes wegen Vortritt haben – oder die diesen selbstbewusst für sich reklamieren. Es ist kein Zufall, dass in jenen Ländern am meisten und selbstverständlichsten gehupt wird, wo die Automobilität einen hohen Stellenwert hat. In Italien etwa, in Spanien. Oder in Ecuador, wo noch jüngst Demonstrationen stattfanden, die beklagten, dass sich der Mensch hinter dem Steuerrad wie der Beherrscher der Strasse aufführe. Dominanz und herrschaftlicher Anspruch äussern sich auch in einer Formulierung in der deutschen Zeitung «Die Welt», die Autohupen als «tönende Reichsäpfel des Strassenverkehrs» bezeichnete.

Signal der kollektiven Freude

Und hier schliesst sich der Kreis zur Fussball-Europameisterschaft. Denn das Instrument der Mächtigen und Starken eignet sich naturgegeben auch als Instrument der Sieger und Erfolgreichen. Als Signal der kollektiven Freude und des Triumphs. Im Hupkonzert spielt jeder seinen Part, mit dem Griff zur Hupe wird er Teil einer anonymen Masse, die gleichermassen ihre eigene Euphorie wie den Sieg der eigenen Mannschaft zelebriert. Und gegen deren Fluten und Lärmen auch die an Kreuzungen und Plätzen postierten Polizisten nichts auszurichten haben.

Hupen bedeutet auch Ausnahmezustand. Und dass es in diesen Tagen Ausdruck der Freude ist, nimmt ihm einiges von der Aggressivität, die es sonst in den Strassenalltag bringt.

Autohupe (Bild: @HANSEAT (67203075))

Autohupe (Bild: @HANSEAT (67203075))

ST. GALLEN 19.06.16 - Fans der albanischen Fussballnationalmannschaft feiern den 1:0 Sieg gegen Rumänien an der Europameisterschaft 2016 in der Innenstadt von St. Gallen. © Benjamin Manser / TAGBLATT (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

ST. GALLEN 19.06.16 - Fans der albanischen Fussballnationalmannschaft feiern den 1:0 Sieg gegen Rumänien an der Europameisterschaft 2016 in der Innenstadt von St. Gallen. © Benjamin Manser / TAGBLATT (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

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