Das gelbe Glück vor der Haustür

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Weit laufen muss ich nicht, um alles hinter mir zu lassen, wenn nichts mehr geht: Der nächste Wanderwegweiser ist nur den sprichwörtlichen Steinwurf entfernt, keine fünfzig Meter von unserer Haustür. Wobei ich ihn mehr als Einladung verstehe denn als Zielvorgabe. Der Weg ist das Ziel. Wie weit er führt und wohin genau, das weiss ich selten im Moment des Aufbruchs. Bloss, wann ich spätestens wieder zurück sein muss. Wann hat man schon einen gänzlich freien Tag?

Alltagswandern im Nahbereich braucht keine Karte, keinen Kompass, meist nicht einmal eine Uhr, nur Neugier und eine innere Notwendigkeit. Mindestens einmal wöchentlich kommt der günstige Zeitpunkt, ungeplant. Dann lasse ich alles stehen und liegen, unfertige Gedanken, ungespülte Salatschüsseln, und mache mich auf und davon – wie Thomas, der Mann in Peter Stamms Roman «Weit über das Land»: hangaufwärts, an üppig wuchernden Frühsommerwiesen oder schmutzigen Schneeresten entlang in den stillen Wald. Das Unglaubliche daran: Mein Startpunkt liegt am Rand eines Grenzdorfs mit reichlich Durchgangsverkehr und mehreren Baustellen. Kaum aber bin ich fünf Minuten unterwegs, tauche ich ein ins 19. Jahrhundert des Dichters Eichendorff: Ich pfeife auf die laute Welt und ihr geschäftiges Treiben. Und lausche der Artenvielfalt an heimischen Singvögeln.

Die einsame Insel – so nah und voller Überraschungen

Es kann vorkommen, dass mir auf diesen kleinen Fluchten mehr als eine Stunde lang keine Menschenseele begegnet, obwohl ich nie querfeldein laufe, stets gelben Empfehlungen folge. In einem dichtestressgeplagten Land! Auch samstags und sonntags wird der Hausberg um die Ecke keineswegs überrannt. So nah also liegt die einsame Insel, nach der wir uns permanent sehnen. Gut für die Fluggesellschaften und Reiseveranstalter, dass das so wenige wissen. Gut auch für mich und ein paar Gleichgesinnte.

Sicher, die erste Steigung ist mühsam, jedes Mal. Warum nur sitze ich jetzt nicht gemütlich am Küchentisch? Weil es gut tut, sich für schöne Aussichten ein bisschen zu plagen. Weil das Denken beim Laufen in Bewegung kommt; selten springen gute Ideen aus einem Flachbildschirm. Weil man Dinge entdeckt, mit denen nicht zu rechnen ist: wie neulich das Herz aus Sauerkleeblättern mitten auf dem Weg, mir zu Füssen. Es war nicht eigens für mich dort ausgelegt. Gegoogelt aber hätte ich wohl nicht danach.

Bettina Kugler