Das Gedächtnis der Kochkunst

Jede Berufssparte ist stolz auf ihre Geschichte. So auch die Gastronomie. Doch das Schweizerische Gastronomie-Museum im Schloss Schadau in Thun steht vor dem Aus.

Heini Hofmann
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Noch bis kommenden April beherbergt das Schloss Schadau in Thun das Gastronomie-Museum. Bild: Schweiz. Gastronomie-Museum

Noch bis kommenden April beherbergt das Schloss Schadau in Thun das Gastronomie-Museum. Bild: Schweiz. Gastronomie-Museum

Die Idee für ein schweizerisches Gastromuseum reicht über hundert Jahre zurück. Bereits der 1849 geborene Kochkünstler Joseph Favre, Autor des Standardwerks «Dictionnaire universel de cuisine», träumte diesen Traum; doch er blieb unerfüllt. In unserem nördlichen Nachbarland dagegen konnte der Verband der Köche Deutschlands bereits 1909 das erste Kochkunstmuseum eröffnen. Leider wurde dieses als einzigartig bezeichnete Kulturgut 1944 im Weltkrieg bei einem Fliegerangriff in Brand geschossen.

Gut drei Jahrzehnte später nahm in der Schweiz eine andere Gastrolegende einen neuen Anlauf: Harry Schraemli (1904– 1995), Koch und Hotelier, begründete am 11. November 1975 im Zunfthaus zur Schmiden in Zürich das Schweizerische Kochkunst-Archiv. Damit hat er den Grundstein für das heutige Gastronomie-Museum gelegt.

Zielsetzung war, Literatur zum Themenkreis Essen und Trinken, aber auch Menu- und Weinkarten, Biographien und Dissertationen, Filmdokumente und Fotos sowie Gerätschaften aus Küche und Service zu sammeln und der Nachwelt zu erhalten. In der Zwischenzeit umfasste das Archiv bereits einige Tausend Bücher und viele gegenständliche Preziosen. Schraemli durfte das bereits vorhandene Sammelgut im Schweizerischen Verkehrshaus in Luzern einlagern mit der Option, es später dann auch dort öffentlich zugänglich zu machen. Doch das Verkehrshaus besann sich anders. Harry Schraemli sen. begann die Suche von vorne.

Beseelt vom Wunsch, aus dem Archiv ein Museum zu formen, kam es am 10. September 1985 zur Gründung der Stiftung Schweizerisches Gastronomie-Museum. Zu den Stiftern zählten neben dem Schweizerischen Kochkunst-Archiv unter anderem der Schweizer Hotelier-Verein, der Koch- sowie der Wirteverband sowie einige Schweizer Firmen der Lebensmittelbranche wie Hügli und Nestle.

1989 eröffnete das erste Gastromuseum der Schweiz im Märchenschloss Schadau in Thun seine Pforten, inmitten eines prachtvollen Parks am Südufer von Aare und Thunersee. Anfänglich lief alles rund. Die ersten Museumsjahre brachten jährlich 20 000 Eintritte. Doch bald blieb der ehrenamtliche Gründer-Pioniergeist auf der Strecke: zu teure Ausstellungen, unrealistische Saläre.

Schliessung im Jahr 1996

Dazu kamen Differenzen mit dem Förderverein, was zur Folge hatte, dass viele Sponsoren ihre Zahlungen einstellten. Unter diesen Umständen musste das Museum am 25. Januar 1996 schliessen. Harry Schraemli sen. hat diese Schmach nicht mehr erlebt.

Neue Kräfte sorgten jedoch dafür, dass das Museum im September 1999 wiedereröffnet werden konnte. Der Präsident der Stiftung Schweizerisches Gastronomie-Museum, Hansjörg Werdenberg aus Allschwil, legte als Zielsetzung fest: «Das Museum soll in Zukunft das geschichtliche Zentrum für Ess- und Trinkkultur, für Tourismus, Gastronomie und Hotellerie sein. Es muss möglich sein, im Kultur- und Tourismusland Schweiz die Mittel hiefür zu erhalten».

Doch jetzt folgte die Hiobsbotschaft: Das Schloss Schadau wird restauriert, das Museum muss 2017 ausziehen und eine neue Bleibe suchen. Geöffnet ist es noch bis Ende April 2017. Dann folgt das Zügeln in ein nicht besuchbares Zwischenlager. Für einen neuen Standort laufen die Abklärungen. Interesse soll es aus der Westschweiz geben, in Territet bei Montreux soll ein gross angelegtes «Musée Suisse de l'hotellerie et du tourisme» entstehen.

Bibliothek mit über 12 500 Titeln

Noch ist das Museum im Schloss Schadau offen. Filetstück des Sammelgutes ist zweifellos – in prächtigen Räumen mit Seesicht – die Bibliothek mit über 12 500 Titeln aus fast 600 Jahren Gastronomiegeschichte. Sie zählt zu den weltweit grössten Sammlungen dieser Art und reicht vom «Kleinsten Kochbuch der Welt» über Rosinen aus den Anfängen des Buchdrucks wie «Neues Kochbuch für die Krancken» (1545) bis zu aktuellen Standardwerken.

Beeindruckend ist auch die Sammlung von über 2000 Arbeitsgeräten und Garnituren aus Küche und Service mit Kuriositäten wie Kannibalenbesteck oder Entenpresse. Dem Museumsgründer Harry Schraemli ist exklusiv ein ganzes Kabinett gewidmet.

www.gastronomiemuseum-thun.ch, noch bis 30. April 2017: Di., Mi., Do., jeweils von 14 bis 17 Uhr