Das erste Trauma der Raumfahrt

Beim bis dahin grössten Unglück der bemannten Raumfahrt starben vor 30 Jahren sieben Astronauten an Bord der Raumfähre Challenger. Sie war anderthalb Minuten nach dem Start von Cape Kennedy explodiert.

Joachim Mahrholdt
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75 Sekunden nach ihrem Start explodierte die Challenger. (Bild: ky/Bruce Weaver)

75 Sekunden nach ihrem Start explodierte die Challenger. (Bild: ky/Bruce Weaver)

Es war wie jedes Mal, an diesem 28. Januar 1986: Einige Kilometer vom eigentlichen Startplatz entfernt starrten Menschen in den Himmel, umringt von Foto- und Fernsehkameras. Darunter diesmal auch die Eltern von Christa McAuliffe, einer 38jährigen Lehrerin aus Boston.

Lehrerin im All

Sie sollte Schüler via TV-Übertragung unterrichten, aus einer Umlaufbahn um die Erde. Ihr geplanter Arbeitsplatz: Space Shuttle Challenger auf dessen Mission STS-51. Eine pädagogische Premiere. Dann donnerten die Raketenmotoren am Horizont, die Stimmen der Fernsehkommentatoren changierten zwischen Euphorie und Coolness, bis sie 75 Sekunden nach dem Abheben der Raumfähre jäh verstummten. Die Challenger war explodiert.

Die allermeisten Kameras zielten auf den Himmel, wo sich Explosionswolken und brennende Raketen sowie Trümmerteile zu einem bizarren Bild mischten. Nur eine nicht. Sie zeigte Christa McAuliffes Eltern, die es nicht fassen konnten, dass sie soeben ihre Tochter verloren hatten. Mit ihr starben sechs weitere Besatzungsmitglieder, Profiastronauten. Einige verloren ihr Leben erst beim Aufprall der Kabine aufs Wasser des Atlantiks.

Die Explosion der Challenger war das bis dahin schwerste Unglück der Raumfahrtgeschichte, das erste im Einsatz. Ein Trauma. Raumfahrt wandelte sich in den Jahren des zu Ende gehenden Kalten Krieges zum Geschäft. Die sowjetische Raumstation MIR baute man ab 1986 im Orbit zusammen und nutzte sie später auch international.

Deshalb entlarvte das Challenger-Desaster auch eine von der NASA zur Schau getragene vermeintliche Normalität der Shuttle-Flüge als PR-Nummer. Ursprünglich hatte man nämlich jede Woche einen Raumtransporter starten wollen. So normal wie eine Busfahrt nach Pittsburgh sollte der Flug ins All sein. Kein Ritt auf einer fliegenden Bombe.

Dieser Start von STS-51 – der 25. einer Raumfähre – hatte allerdings eine Besonderheit. Die Aussentemperaturen lagen in der Nacht nur knapp über dem Gefrierpunkt, 15 Grad unter den in Florida üblichen. Mit dem Effekt, dass die Gummidichtungen zwischen den einzelnen Segmenten der beiden riesigen Feststoffraketen versprödeten. Einer dieser O-Ringe war undicht, als die Raketentriebwerke zündeten.

Shuttles blieben am Boden

Hier habe Natur über PR gesiegt, stellte später Nobelpreisträger Richard Feynman fest, den die Regierung in die Challenger-Untersuchungskommission berufen hatte. Er tippte schnell auf den auslösenden Fehler, die spröden Gummiringe an den Feststoffboostern. Probleme, welche die NASA kannte. Bei der NASA rollten Köpfe. Die Shuttles bleiben zweieinhalb Jahre am Boden, wurden aufwendig nachgebessert.

Das half, aber es vermied nicht eine weitere Katastrophe – die Explosion des Schwesterschiffs Columbia im Jahre 2003, während des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre. Wieder sieben Tote. Erst 2007 flog die erste Lehrerin mit der Raumfähre Endeavour ins All: Barbara Morgan. Sie war 1986 als Ersatz für Christa McAuliffe vorgesehen gewesen. Zur Normalität wurden Shuttle-Flüge nie. 2011 absolvierte die Atlantis den letzten Flug einer US-Raumfähre.

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