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Das Davoser Wunder

Morgen beginnt das World Economic Forum in Davos – einem Ort, der sich immer wieder neu erfunden hat.
Rolf App
Otto Morach, Plakat für den Verkehrsverein Davos, 1926. (Bilder aus: Franco Item, Davos – zwischen Bergzauber und Zauberberg)

Otto Morach, Plakat für den Verkehrsverein Davos, 1926. (Bilder aus: Franco Item, Davos – zwischen Bergzauber und Zauberberg)

Er ist ein Verfolgter ohne Papiere, in seiner Heimat Baden hat man ihn zu mehrjähriger Haft verurteilt. 1851 verlangt der Bundesrat, er solle nach Amerika auswandern. Doch Alexander Spengler, 1849 als junger Leutnant an der badischen Revolution beteiligt, weiss sich zu wehren. Bündner Studienfreunde setzen sich bei ihrer Kantonsregierung für ihn ein, auf ihr Betreiben kommt er als gerade frisch gebackener Arzt nach Davos. Dort sucht man seit fünf Jahren nach einem Landschaftsarzt.

Eine Traumdestination ist dieses Davos nicht. Wo sich von morgen an die wirtschaftliche und politische Elite der ganzen Welt trifft, da herrscht zu Alexander Spenglers Zeit die nackte Not. Viele wandern aus, machen sich mit Kuh und Karren auf ins Glück – und sitzen oft genug Betrügern auf.

Wenige nur haben Erfolg

Zu den wenigen, die Erfolg haben, gehört Lorenz Gredig, ehemals Schankwirt in Davos, der sich als Kaufmann in Grüsch niederlässt. Aus seiner Familie geht eine Hoteldynastie hervor. Andreas Gredig III., sein Ururenkel, wird in der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre zur treibenden Kraft hinter der Parsennbahn und damit zu einem der Begründer von Davos als Wintersportort.

Ein anderer dieser Auswanderer heisst Tobias Branger. In St. Petersburg nennt er sich elegant Béranger, dort macht er sich einen Namen und erwirbt einigen Reichtum als Zuckerbäcker. Es ist ein Gewerbe mit Tradition. Die Bündner Zuckerbäcker haben schon in Venedig die ersten Cafés betrieben, bis politische Misshelligkeiten sie in die russische Metropole haben weiterziehen lassen.

Angeeckt mit seinem Dialekt

Anderswo also vermögen tüchtige Davoser durchaus zu reüssieren. Zu Hause aber muss ein Deutscher kommen, um die Tür aufzustossen in eine Zukunft des Wohlstands. Besonders willkommen ist er ihnen anfangs nicht. «Es ist überliefert, dass er bei den Einheimischen mit seinem schwäbischen Dialekt nicht gut ankam», fasst Franco Item in einer kürzlich erschienenen Geschichte von Davos Spenglers anfängliche Schwierigkeiten zusammen. «Auch waren seine Kenntnisse in der Behandlung von Arm- und Beinbrüchen unzureichend.» Einbürgern lässt Spengler sich deshalb nicht in Davos, sondern im benachbarten Wiesen. Die Einbürgerung braucht er, weil er heiraten will. Seine Frau Elisabeth Ambühl ist übrigens die Tochter eines in St. Petersburg reich gewordenen Zuckerbäckers. Das junge Paar will wegziehen, bleibt dann aber doch in Davos.

Allerdings ist es nicht die Behandlung von Knochenbrüchen, die diesen Arzt bekannt machen wird, sondern jene der Tuberkulose. 1840 hat der Wiener Pathologe Rokitanski entdeckt, dass Tuberkulose heilbar sein könnte. 1854 nimmt der Deutsche Hermann Brehmer im schlesischen Görbersdorf eine Heilanstalt in Betrieb. Von dort treffen im Winter 1865 nach neunstündiger mühseliger Fahrt durchs Prättigau zwei Kranke ein: Der Arzt Friedrich Unger und der Buchhändler Hugo Richter suchen Heilung in der Höhe und legen sich vor dem Gast- und Kurhaus Strela an die frische Luft. So fängt der Kurort Davos an.

Während im Jahr darauf wieder 43 Bergbauern die Heimat in Richtung Amerika verlassen, wo sie manchmal, wie ein Augenzeuge berichtet, «in ihren Hütten leben wie Schweine», bahnt sich in Davos der Aufschwung an. Alexander Spengler kommt von seinen Kuhstallkuren ab und betrachtet Höhenluft und -sonne als heilenden Faktor. Es veröffentlicht ein Buch über die Vorzüge von Davos als Luftkurort, das lässt die Zahl der Kurgäste massiv anschwellen.

Spenglers Mitstreiter

In den ersten Jahren liegen überall die Kranken vor den Gasthäusern, bis 1882 Robert Koch das Tuberkulose-Bakterium entdeckt. Jetzt weiss man: Diese Krankheit, die zu dieser Zeit allein in Deutschland jedes Jahr 100 000 Tote kostet, ist hochgradig ansteckend. Jetzt kommen geschlossene Anstalten in Mode und eine hoch disziplinierte Therapie.

Zu dieser Zeit ist Alexander Spengler schon nicht mehr allein. Im Hochseekapitän Willem Jan Holsboer findet er einen begabten Mitstreiter. Holsboer betreibt die erste Kuranstalt, forciert energisch den Bau der Bahnlinie Landquart–Davos und baut das Sanatorium Schatzalp, das heute ein Hotel ist.

Viele Deutsche – und Nazis

Das ist der Grundstein zum Erfolg dieses aussergewöhnlichen Orts, dessen Heilanstalten und eine beträchtliche Zahl von Deutschen ins Bündnerland locken. Zum Beispiel den Maler Ernst Ludwig Kirchner und den Schriftsteller Thomas Mann und seine kranke Frau. Es gibt ein deutsches Konsulat, das 1933 zur Schaltstelle der Nazis wird. Doch das ist eine andere Geschichte, die wir unten erzählen.

Franco Item (Hg.): Davos – zwischen Bergzauber und Zauberberg, Verlag NZZ 2015, 336 S., Fr. 63.–

Wilhelm Gustloff

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