Das Christkind vergessen

Zum ersten Mal mit dem Kind Weihnachten zu feiern, ist ein spezielles Erlebnis – für die Eltern. Denn der Sprössling wird sich später kaum mehr daran erinnern. Ab welchem Alter Kinder solche Begebenheiten speichern können.

Sarah Coppola-Weber
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Zu jung, um Weihnachten im Gedächtnis zu behalten? Erst ab drei Jahren können sich Kinder erinnern. (Bild: fotolia/Ladysuzi)

Zu jung, um Weihnachten im Gedächtnis zu behalten? Erst ab drei Jahren können sich Kinder erinnern. (Bild: fotolia/Ladysuzi)

Die vielen Kerzen, die Geschenke – darunter der erste Teddybär –, und Oma mit Tränen der Rührung in den Augen: Nichts von all dem wird dem Baby im Gedächtnis bleiben. Kinder können sich erst ab dem dritten Lebensjahr an Vergangenes erinnern. «Frühere Erinnerungen werden zwar unbewusst in Form von Vertrautheit gespeichert, sind aber nicht bewusst abrufbar», sagt die Winterthurer Psychologin Elena Arici, die sich auf Neurofeedback und Lerncoaching mit Kindern spezialisiert hat. «Erst sobald die Sprachareale und wichtige Gedächtnisstrukturen heranreifen sowie das Ich-Bewusstsein einsetzt, setzt die Erinnerungsfähigkeit ein.»

Keine Erinnerung ohne Worte

Es gibt sie, die «kindliche Amnesie», eine Art Erinnerungslücke in der frühesten Kindheit. Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, war der erste, der sie erforschte. Damit es eine Erinnerung ins Bewusstsein schafft, müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein: Zum ersten soll das Kind sprechen und sich mitteilen können. «Erlebnisse, die wir als Kind noch nicht mit Worten beschreiben konnten, sind für uns als Erwachsene weniger gut abrufbar», erklärt Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie im Säuglings- und Kindesalter an der Universität Zürich. Während die frühesten Erinnerungen sensorisch und nonverbal abgespeichert werden, ist dieser Schlüssel durch die später hinzukommende Sprache nicht mehr gut anwendbar: «Wie wenn ein Computer-Betriebssystem erneuert wird und ältere Dateiformate nicht mehr gelesen werden können», umschreibt es Daum.

Die zweite Voraussetzung für Erinnerung ist die Hirnreifung: «Der Hippocampus, eine Art Zwischenspeicher, ist erst mit drei Jahren so weit ausgereift, dass persönliche Erlebnisse bewusst gespeichert werden können.» Drittens wird die Ich-Entwicklung vorausgesetzt: «Erst wenn sich das Kind als selbständige Persönlichkeit wahrnimmt, kann es auf sich bezogene Erinnerungen abrufen», sagt Daum.

Mutters Stimme erkennen

Allerdings haben Forschungsergebnisse gezeigt, dass Kinder bereits im Mutterleib rudimentäre Erinnerungen abspeichern können: In einer Studie saugten Neugeborene häufiger in jener Frequenz, mit der die Stimme der Mutter eingestellt werden konnte; sie erinnerten sich folglich an jene Stimme, die sie im Mutterleib am meisten gehört hatten. Auch bevorzugten sie Geschichten, die sie während der Schwangerschaft vorgelesen bekamen, noch nicht gehörten.

Erlebtes wird meist nicht eindimensional verarbeitet, sondern ist mit Gefühlen, Gerüchen und anderen Wahrnehmungen verbunden. Je mehr Sinne betroffen sind, desto stärker ist die Erinnerung: «Die Grundgefühle sind bereits bei Neugeborenen vorhanden, sie sind aber nicht ausgereift», sagt Daum. Laut Arici sind Erinnerungen stark mit Gefühlen verbunden: «Gut gespeichert werden Gerüche, aber auch Gefühle der Vertrautheit von Personen, Stimmen und Orten oder Aversionen.»

Das zeigt der neueste Disney-Trickfilm «Alles steht kopf», bei dem fünf Grundgefühle personifiziert werden. Arici findet diesen Film spannend: Er biete einen guten Grund, um mit Kindern über Gefühle zu sprechen, damit sie sich bewusster wahrnehmen. Macht es Sinn, mit Kindern über vergangene Erlebnisse zu sprechen – und ab wann? Diese Fragen beschäftigen wohl viele Eltern. «Ja, es macht Sinn, Kinder nach ihren Erinnerungen zu fragen. Diese können allerdings verfälscht werden», sagt Arici. Und ergänzt: «Fotos aus früher Kindheit und Erzählungen der Eltern werden mit später erlebten Erinnerungen verknüpft. Die Kinder glauben dann, es so erlebt zu haben, können sich in Wirklichkeit aber nicht mehr daran erinnern.»

Erzählung oder Erinnerung?

Ebenso sieht es Daum. Er zweifelt indes daran, dass das frühkindliche Erinnerungsvermögen trainiert werden kann: «Die Informationsverarbeitung wird automatisch besser, so wie der Speicher beim PC grösser und der Prozessor schneller wird.» Neben dieser automatischen Gedächtnisentwicklung lernen – eher ältere – Kinder aber auch Strategien anzuwenden, etwa Wiederholungen, um Gelerntes zu festigen.

Arici ist überzeugt, dass Eltern einen Einfluss auf das Erinnerungsvermögen der Sprösslinge haben: «Man soll die Kinder schon früh auffordern, von ihren frühesten Erinnerungen zu erzählen.» Einige Kinder könnten gerade das Geburtserlebnis abrufen. Sie würden es in bildlicher Sprache – etwa mit «Es war eng» oder «Ich bin über eine Rutschbahn gerutscht» – umschreiben. Dieses Wissensfenster ist jedoch nur für kurze Zeit offen und schliesst sich nach dem dritten Lebensjahr, wie der Forscher David Chamberlain herausgefunden hat.

Und so ist vom ersten Weihnachtsfest nur noch ein warmes Gefühl vorhanden, verbunden mit dem Geruch von Kerzenwachs und dem klopfenden Herzen, wenn das Glöckchen des Christkinds ertönt.

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