Das blutige «Wunder»

Die erste Schlacht Das 100-Jahr-Jubiläum des Ersten Weltkriegs wirft seine Schatten voraus. An der Marne stoppten die Alliierten den deutschen Durchmarsch kurz vor Paris.

Rolf Hürzeler
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Paris & zurück – Niemand rechnet mit einem derart mörderischen Krieg. Im Gegenteil: Frohgemut fahren deutsche Soldaten an die Front.

Paris & zurück – Niemand rechnet mit einem derart mörderischen Krieg. Im Gegenteil: Frohgemut fahren deutsche Soldaten an die Front.

Ein kleiner Soldatenfriedhof in der landwirtschaftlichen Idylle der Champagne. Ganz am Rand der unzähligen Steinkreuze steht ein kleines Denkmal: «In einem gemeinsamen Grabe ruhen hier 11 320 Deutsche Gefallene des Krieges 1914–18. 10 216 blieben unbekannt.» Unter den aufgeführten Namen findet sich der Maler August Macke, der grosse deutsche Expressionist, der bis kurz vor den Kriegserklärungen im August 1914 am Thunersee in der Schweiz lebte.

Macke fiel am 26. September 1914 auf dem deutschen Rückzug. Zwar stiess bis Anfang des Monats die kaiserliche Armee unter Helmuth von Moltke in einem Überraschungsangriff durch Belgien und das nördliche Lothringen Richtung Paris vor. Erst dreissig Kilometer nördlich der Hauptstadt bei Meaux konnten die alliierten Franzosen unter General Joseph Joffre und Briten unter John French den deutschen Vorstoss stoppen.

Mehr als 500 000 Tote

Die Presse schrieb später vom «Wunder an der Marne». Es kostete je rund 250 000 Franzosen und Deutschen das Leben. Das britische Expeditionskorps verlor rund 13 000 Soldaten. Die Schlacht an der Marne brachte die erste militärische Wende in diesem Krieg: Nach den gegenseitigen Kriegserklärungen der Alliierten (Frankreich, Grossbritannien und Russland) sowie der Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn) schienen die Deutschen in den ersten Wochen diesen Krieg entschieden zu haben. Doch dann die Niederlage an der Marne: Sie hatte neben dem militärischen Erfolg für die Alliierten eine grosse psychologische Wirkung. Denn die Deutschen verloren den Nimbus der Unbesiegbarkeit. Sie zogen sich zur französisch-belgischen Grenze zurück, wo sie sich festsetzten. Es entwickelte sich ein jahrelanger, sinnloser Grabenkrieg.

Im Gegensatz zu den grossen Kriegsschauplätzen von Verdun, der Somme und Ypres finden sich im Gebiet der Marne weniger Spuren, die an die Vergangenheit erinnern. Hier herrschte noch ein Bewegungskrieg mit unzähligen Schlägen und Gegenschlägen verschiedener Truppenteile.

An Mackes Grab

Den heutigen Besucher berühren die Zeugnisse von Einzelschicksalen am meisten. Der Künstler August Macke war bei seinem Tod 27 Jahre alt, jung verheiratet, Vater von zwei Söhnen. Bis heute weiss niemand genau, was ihn dazu bewog, sich in den ersten Kriegstagen freiwillig zur Front zu melden. Liess er sich von der allgemeinen nationalistischen Begeisterung anstecken? Glaubte er tatsächlich, dieser Krieg sei nur ein kurzes Scharmützel, wie viele dachten? Vielleicht. Doch Macke war ein weitgereister Mann und hatte ein feines Sensorium für die französische Kultur. Dennoch schaffte er es, während seines kurzen Einsatzes schon zum Offiziersstellvertreter aufzusteigen, zumal er bereits eine einjährige militärische Ausbildung hinter sich hatte. Mackes Grab befindet sich etwas nördlich der Champagner-Stadt Châlons auf dem Friedhof Souain.

Péguys Wandlung

Einfacher zu verstehen ist der Tod des französischen Schriftstellers und Philosophen Charles Péguy mit 41 Jahren. Er war zwar zuerst Mitglied der pazifistischen Sozialisten, wandelte sich zu Beginn des neuen Jahrhunderts aber zum nationalistischen Eiferer.

Weiter im Osten von Paris, in den Argonnen, sind die Spuren jener frühen Kriegstage in der Landschaft weiterhin präsent. Dort zeichnete sich in einem Waldstück bei Varennes Richtung Verdun sehr schnell die Zukunft dieses Kriegs ab: Französische und deutsche Truppen verkrallten sich im September 1914 ineinander. Die Stellungen wurden im Krieg ausgebaut und überdauerten bis 1918.

Die Gräben sind noch deutlich sichtbar; die gewaltigen Minenkrater erinnern an geologische Verwerfungen der Erdgeschichte. Noch immer zugänglich, wenn auch jetzt in Revision, ist der sogenannte «Kaisertunnel», eine kilometerlanger Tunnel den die deutschen Truppen gruben, um sich den französischen Linien möglichst unbemerkt zu nähern und sie auszuhorchen.

Mit dem Taxi an die Front

Um den deutschen Vormarsch nordwestlich von Paris zurückzuschlagen, fehlten der französischen 6. Armee Soldaten. Die Kapazitäten der Eisenbahn reichten nur für die Hälfte der Truppen. Transporttaugliche Lastwagen fehlten; General Joseph Gallieni verlangte deshalb, dass die Pariser Polizei alle Taxis an den nördlichen Stadtrand schickte.

Von dort ratterten am frühen Morgen des folgenden Tags rund 250 Renault-Taxis zu einem Sammelplatz. Unter Historikern ist die militärische Bedeutung der Taxi-Episode zwar umstritten. Dennoch gilt sie noch heute als Symbol für das französische Talent, aus einer Notlage das Beste zu machen.