Das Alter ist bunt

Manche bezeichnen die Zeit nach der Pensionierung als Paradies, andere fallen in ein Loch, wenn ein Teil des Lebenssinns wegfällt.

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Am Morgen im Büro, nachmittags auf Wanderung: Viele Babyboomer bleiben nach der Pensionierung aktiv. (Bild: fotolia)

Am Morgen im Büro, nachmittags auf Wanderung: Viele Babyboomer bleiben nach der Pensionierung aktiv. (Bild: fotolia)

«Wer nicht glücklich ist, hat etwas falsch gemacht, glaubt die Gesellschaft. Und wer gibt das gerne zu? Deswegen lügen viele unzufriedene Rentner», sagt Wolfgang Prosinger. Ein Schwarzmaler? Nein, betont er. Natürlich könne die Pensionierung etwas Phänomenales sein. «Doch das bedeutet, nach 65 Jahren eingefahren in Abläufen aus ihnen herauszutreten. Diese Kraft hat nicht jeder.» Prosinger, Autor und Journalist, hat einen Roman über das Leben nach der Pensionierung geschrieben. Der Protagonist fällt in ein tiefes Loch. Auch der 67jährige Wolfgang Prosinger hatte eine Krise, wenn auch nicht eine so schwere wie seine Romanfigur. Ihm habe nach der Pensionierung viel gefehlt: die Bestätigung, die Tagesstruktur, die Beziehungen zu anderen. «Man muss sich neu erfinden.» Manchen fällt das schwer, andere geniessen den Neuanfang, diese Chance, mal etwas anders zu tun.

Prosinger arbeitet heute wieder auf der Redaktion, in Teilzeit. Laut dem Zürcher Altersforscher Höpflinger arbeitet bereits mehr als ein Drittel der Neurentner über das AHV-Alter hinaus, 40 Prozent davon als Selbständige, die ihr Pensum selber bestimmen. «Ein ideales Modell, um sich in Raten zur Ruhe zu setzen.» Höpflinger spricht sich für ein höheres Rentenalter in der Schweiz aus. Zumal mit den Babyboomern «junge Alte» ins Pensionsalter kommen, die fit und finanziell abgesichert seien, jedoch oft ohne Nachwuchs. Fast ein Drittel der in den Nachkriegsjahren Geborenen sind kinderlos, werden keine Erfüllung in der Aufgabe als Grosseltern finden. Und haben ausserdem viele Träume gelebt: «Sie verwarfen oft die bürgerlichen Ideale ihrer Eltern, sie experimentierten mit Lebensformen. Sie sind gereist und werden nicht so viel nachholen wollen wie die bisherigen Generationen», sagt Höpflinger. Er sieht in den Babyboomern die Botschafter «einer stillen Revolution» des dritten Lebensalters. In den letzten Jahren hätten auch die späteren Lebensphasen «eine Individualisierung und Dynamisierung» erfahren. «Die Pensionierung bedeutet heute für viele nicht mehr Ruhestand und Rückzug, sondern sie ist eine Lebensphase mit bunten Gestaltungsmöglichkeiten.» (dbu)

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