Darmflora gegen Asthma

Asthma ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen bei Kindern in den westlichen Industrieländern. Jetzt haben Forscher jedoch eine ermutigende Entdeckung gemacht.

Nadja Podbregar
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Über 300 Millionen Menschen weltweit leiden an Asthma – Tendenz steigend. In den Industrieländern ist diese chronische und immunbedingte Entzündung der Atemwege bereits die häufigste Erkrankung bei Kindern. Schon länger weiss man, dass neben einer genetischen Prädisposition vor allem Umwelteinflüsse eine wichtige Rolle für das Asthmarisiko spielen.

Einflüsse im Säuglingsalter

Als potenziell schützend gegen die Überreaktion des Immunsystems gilt die in Ställen und auf Bauernhöfen verbreitete Mikrobenflora. Doch in jüngster Zeit mehren sich Hinweise, dass Einflüsse im Mutterleib, bei der Geburt oder direkt danach ebenfalls zum Asthmarisiko beitragen. Dazu gehören der Kaiserschnitt, Antibiotikagaben und die Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft. Allen diesen potenziellen Einflüssen ist gemeinsam, dass sie das Mikrobiom des Neugeborenen beeinflussen – die Bakterien, die in und an seinem Körper leben.

Marie-Claire Arrieta von der University of British Columbia in Vancouver und ihre Kollegen haben nun das Wissen um die kritischen Einflüsse im Säuglingsalter deutlich erweitert. In ihrer Studie analysierten sie die Bakterien im Kot von dreimonatigen Säuglingen und verfolgten in den folgenden drei Jahren, ob die Kinder Ekzeme oder ein pfeifendes Atemgeräusch entwickelten; beides gilt als Indiz für erhöhtes Asthmarisiko.

Sie stiessen auf einen auffallenden Zusammenhang: Kinder, die später Anzeichen für Asthma entwickelten, unterschieden sich als Säuglinge von ihren Altersgenossen: Die Menge von vier Bakteriengattungen (Faecalibacterium, Lachnospira, Veillonella und Rothia, FLVR) waren in ihrem Kot und damit im Darm signifikant reduziert. Gleichzeitig enthielt der Kot dieser Kinder weniger Acetat. Diese kurzkettigen Fettsäuren sind ein Stoffwechselprodukt der Bakterien und haben sich bereits in Tierversuchen als schützend gegen Asthma erwiesen. Interessanterweise waren die Unterschiede bei einjährigen Kindern schon nicht mehr nachweisbar.

Die ersten 100 Tage sind kritisch

«Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass die ersten 100 Tage des Lebens ein kritisches Fenster darstellen, in denen die Darmflora mit dem Risiko von Asthma und Allergien verknüpft ist», konstatieren die Forscher. Dass es hier tatsächlich einen ursächlichen Zusammenhang gibt, belegten sie mit einem ergänzenden Versuch an Mäusen: Verabreichten sie keimfreien, neugeborenen Mäusen einen Bakteriencocktail aus dem Kot der asthmagefährdeten Säuglinge, reagierten diese auf eine Reizung ihrer Atemwege mit einer starken entzündlichen Reaktion. Bekamen sie vorher jedoch eine Impfung mit den vier FLVR-Bakteriengattungen, blieb die asthmaähnliche Reaktion bei den Mäusen aus.

«Die Entdeckung eröffnet uns neue Wege, um die für viele Kinder lebensbedrohliche Erkrankung zu verhindern», sagt Co-Autor Stuart Turvey von Children's Hospital in Vancouver. «Sie zeigt, dass es ein kurzes, rund 100 Tage grosses Fenster gibt, in denen wir Babies vorbeugend gegen Asthma behandeln können.» Noch muss dies in Studien überprüft werden. Die Ergebnisse wecken aber die Hoffnung, durch solche und ähnliche probiotische Behandlungen die Entstehung von Asthma und anderen allergischen Erkrankungen verhindern zu können.

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