«Dann lasse ich ihn los…»

Wer Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert, soll neu strafrechtlich dafür belangt werden können. Was begünstigt Homophobie? Was mindert sie? Homosexuelle und ein Psychotherapeut erzählen.

Diana Bula
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Homosexuelle, die sich auf offener Strasse küssen: Noch immer ernten sie manchmal schiefe Blicke. (Bild: epa/Matej Divizna)

Homosexuelle, die sich auf offener Strasse küssen: Noch immer ernten sie manchmal schiefe Blicke. (Bild: epa/Matej Divizna)

«In Umfragen ist alles kein Problem. Wenn ich aber meinen Freund zur Begrüssung küsse, dann fallen den Passanten noch immer fast die Augen raus», sagt Martin Nitecki, Präsident des Thurgauer Vereins Gay Ostschweiz. Bewirbt er sich auf eine Stelle, notiert er unter Zivilstand: verheiratet, ohne Kinder. «Mit <eingetragene Partnerschaft> würden meine Chancen sinken, zumal ich schon 54 Jahre alt bin. Homosexuell und in die Jahre gekommen, das goutieren manche Arbeitgeber nicht.»

Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung ist noch immer ein Thema. Der Nationalrat hat sich vergangene Woche damit befasst – und will die Antirassismus-Strafnorm auf Homophobie ausweiten. Der Ständeratentscheid steht noch aus.

Schon Freud weibelte

Natürlich habe sich das Klima für gleichgeschlechtliche Paare seit den 1980er-Jahren deutlich verbessert, sagt Nitecki. Beschimpft wird er nicht mehr, mit Witzen über Schwule hat er sich arrangiert. «Es gibt ja auch Sprüche über Frauen und Blondinen. Über solchen Bemerkungen müssen wir stehen», meint er.

Bis in die 80er-Jahre hat Homosexualität als «psychische Krankheit» gegolten – obwohl Sigmund Freud schon um 1900 «eine Lanze für Homosexuelle gebrochen und sie als genauso natürlich wie Heterosexuelle beschrieben hat», wie der Zürcher Psychotherapeut Tim Kurt Wiesendanger betont. Laut dem Fachmann akzeptiert rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung Homosexuelle, Lesben, Bi- und Transsexuelle, ein Drittel verurteilt sie – und ein Drittel ist unentschieden.

Reaktion mit Ich-Botschaft?

Was begünstigt Homophobie, was mindert sie? Laut Wiesendanger ist es das eigene verkrampfte Verhältnis zur Sexualität, das auf Homosexuelle projiziert werde. «Wer nicht zum Spass, sondern etwa nur zur Fortpflanzung Sex hat, beneidet Homosexuelle, die einen wichtigen Prozess durchgemacht haben und offen zu ihren Neigungen stehen.» Gemäss Studien reagieren Frauen und Männer besonders vehement auf Homosexualität, die heterosexuell leben, sich aber von Homosexuellen angezogen fühlen. «Normalerweise aber setzen Frauen die sexuellen Grenzen nicht so haarscharf wie Männer. Sie probieren eher aus. Das fördert das Verständnis.» Vor allem Männer aus «Macho-Kulturen wie Italien oder Osteuropa» könnten oft nicht verstehen, dass ein Geschlechtsgenosse seine starke Rolle aufgebe, um in eine vermeintlich schwächere zu schlüpfen. Tut einer das dennoch, lebt er manchmal gefährlich: Wiesendanger erzählt von homosexuellen Klienten aus der Türkei, aus Bosnien, aus dem arabischen Raum, die sich vor ihrer Familie verstecken. «Diese will ihre Ehre retten und schreckt auch vor Gewalt nicht zurück.»

«Dann lasse ich ihn los…»

Auch Kantonsrat Nils Rickert spricht von Gewalt: «Die Fälle, in denen Homosexuelle aus homophoben Gründen angegriffen werden, nehmen zu – gerade in Städten.» Rickert vermutet, dass «Alkohol und das kulturelle Umfeld der Angreifer den Ausschlag geben». An Städten schätzen viele Homosexuelle zwar die Anonymität. In der Ausgangsszene aber geht es um Aufreissen und Flirten, um meist typisch männliches Gehabe folglich. «Ich gehe mit meinem Partner gerne Hand in Hand. Kreuzen wir eine Gruppe junger, angetrunkener Männer, lasse ich ihn zur Sicherheit aber los.» Im November reichte Rickert im Kantonsrat eine Interpellation ein, in der er forderte, homophobe Gewalt zu erfassen. Die Antwort steht noch aus.

Es ist wie mit der Partei

Rickert lebt seit letztem Jahr in eingetragener Partnerschaft; vor 15 Jahren hat er sich geoutet. «Bei mir war das ein langer Prozess», sagt er. Und meint damit: dass er zuvor in einer gut funktionierenden heterosexuellen Beziehung gelebt hat, die vieles übertüncht hat. «Ich wollte zwei Hunde und vier Kinder. So war ich sozialisiert worden.» Schliesslich entschied sich Rickert gegen Nachwuchs – und für die Homosexualität. Die Eltern hofften, dass er, der Familienmensch, auch so glücklich werde. Wie hat das restliche Umfeld reagiert? «Neugierig, aber nicht negativ.» Viele Geschäftspartner des Rapperswiler Organisationsberaters wissen, dass er schwul ist. Auch wenn er im Berufsleben länger abwarte als im Privaten, bis er von seinem Mann erzähle. «Vielleicht weil ich befürchte, dass dadurch eine Distanziertheit entstehen könnte, die nicht gut fürs Business ist», sagt er. Und vergleicht mit der Parteizugehörigkeit: «Die bindet man einem Kunden auch nicht sofort auf die Nase.»