«Da steht einer gegen den Rest der Welt»

Was hat der Aufstieg von Donald Trump mit den inneren Triebkräften seines Landes zu tun? Der Philosoph Dieter Thomä blickt in die Tiefe und stellt Vergleiche zur Schweiz an.

Rolf App
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Dieter Thomä HSG-Professor und Buchautor

Dieter Thomä HSG-Professor und Buchautor

Der an der Universität St. Gallen lehrende Philosoph Dieter Thomä befasst sich nicht nur gern mit gesellschaftlichen Phänomenen wie dem Vatersein oder dem Störenfried als dem heimlichen Hauptdarsteller der Moderne. In «Unter Amerikanern» hat er schon zur Jahrtausendwende auch ein Land und eine Lebensart besichtigt, die uns nah und fremd zugleich sind. Genau so besichtigt er hier den amerikanischen Wahlkampf: Als etwas Nahes und Fremdes zugleich.

Herr Thomä, Sie haben gerade ein Buch über Störenfriede publiziert. Was für eine Art Störenfried ist denn Donald Trump?

Donald Trump ist ein ganz tückischer Störenfried. Und, wie ich das nenne, ein egozentrischer Störenfried. Er gefällt sich darin, überhaupt keine Regeln zu beachten, führt seinen Erfolg darauf zurück und sonnt sich in diesem Erfolg.

Und wie tritt dieser Störenfried auf?

In seinen Statements fällt auf, dass er ständig erklärt, «the system» sei gegen ihn. Hier haben wir deshalb eine klassische Konstellation: einer gegen den Rest der Welt. Das hat er zunächst für sich als Geschäftsmodell durchgezogen und jetzt macht er aus seinem Egotrip eine Massenbewegung aller, die zu kurz gekommen sind. Darin liegt das Tückische.

Und was bedeutet seine Kandidatur für die USA?

Dazu muss man zuerst die Bedeutung des Amts betrachten. In der amerikanischen Politik steht der Präsident für das Land. Er verkörpert es und soll die besten Eigenschaften dieses Landes zum Ausdruck bringen. Alles verdichtet sich also in einer Person wie in einem Brennglas.

Und wie nehmen die Präsidenten ihre Aufgabe wahr?

Es gibt erstmal den Typ, der für die USA als grosses demokratisches Projekt steht. Daneben steht derjenige, der Amerika als auserwählte Nation sieht. Diese Nation kann dann als Supermacht mit Sendungsbewusstsein überall auf der Welt auftreten, sie kann sich aber auch abkapseln und nur um sich selbst kümmern. In diesem Fall sieht sie überall nur Feinde und Gefahren. Manchmal gibt es auch Kombinationen zwischen diesen verschiedenen Typen. Denken Sie an Franklin Delano Roosevelt: Ihm ging es nach der Wirtschaftskrise in den Dreissigerjahren erstmal um den Schutz der heimischen Demokratie – und dann hat er die USA als Weltmacht in den Zweiten Weltkrieg geführt, um die Freiheit in Europa zu retten.

Wo steht da Donald Trump?

Trump setzt ganz eindeutig auf die Karte Nation und Nationalismus. Deshalb bewundert er Putin, und deshalb will er Handelsverträge kündigen. Seine Angriffe gegen China sind eine Trotzreaktion nach dem Motto: Ich will mein Spielzeug ganz für mich alleine. In seinem Fall kommt noch ein weiteres, durchaus typisch amerikanisches Element hinzu: Trump bietet sich an, diese USA wie seine «Company» zu führen. Die gefährliche Mixtur Trumps besteht darin, dass er nationalistische Sehnsüchte bedient – und andererseits die ganze politische Sphäre als eine Art «Service» interpretiert in dem Sinn, dass er erklärt: «Ich mache den Job besser.» Das wirkt auf bestimmte Kreise sehr anziehend. Deshalb lässt eine erstaunlich grosse Gruppe von Anhängern sich nicht beeindrucken davon, dass Trump wohl über Jahre keine Steuern bezahlt hat. Das wird dann zum Teil der Bewunderung.

Donald Trump positioniert sich als Rebell gegen das politische Washington. Warum kommt das an?

Auch diese Haltung ist eine bittersüsse Frucht. Das Süsse daran ist, dass im Widerstand gegen die Bürokratie, gegen die Zentrale in Washington ein Anspruch auf Selbstbestimmung steckt. Der dritte Präsident Thomas Jefferson hat dieses Widerständige sehr geschätzt und gesagt: «Ich schätze ein wenig Rebellion dann und wann, das ist wie ein Sturm in der Atmosphäre.» Von Trump wird diese Anti-Haltung demagogisch gesteuert, aber eigentlich steckt darin etwas Urdemokratisches, das auch in der Schweiz zu finden ist. Nur haben wir hier kein Washington, das heisst keine derart starke Zentralmacht.

Und die Schattenseite?

Das Bittere zeigt sich in der Cowboy-Mentalität, die hinter dem Protest gegen das System steckt. Seine Verfechter wollen keine Rücksicht nehmen und lehnen Regeln ab. Es gibt diesen Auto-Aufkleber auf vielen Stossstangen: Don't steal, the government hates competition – Bitte nicht stehlen, die Regierung mag es nicht, wenn sie Konkurrenz bekommt. Die Botschaft dahinter lautet: Es ist die Regierung, die stiehlt. Etwa indem sie Steuern erhebt. Das führt dann zur Kampfansage gegen die politische Ordnung.

Sie haben die Schweiz erwähnt. Was ist hier anders?

In den USA gibt es diese Spaltung zwischen Patriotismus und Politikverdrossenheit. Das ist verheerend. So begegnet einem auf den Stossstangen auch der Spruch: I love my country, but I hate my government – Ich liebe mein Land, aber ich hasse meine Regierung. Die Schweizer denken anders. Auch sie sind Patrioten, aber ihre Verbindung zur Demokratie ist inniger. Deshalb geniesst der Service public hier grosse Unterstützung, deshalb werden die Institutionen nicht in Frage gestellt.

Barack Obama hat mit seiner Kandidatur grosse Hoffnungen geweckt. Ganz im Unterschied zu Hillary Clinton. Warum spürt man denn so wenig Begeisterung angesichts der ersten Frau?

Im Jahr 2008 herrschte eine ganz andere Stimmung. Da fielen Finanzkrise und Aufbruchstimmung zusammen. Letztere wurde geboren aus der Einsicht, dass das Land an die Wand fährt, wenn, wie in der Finanzkrise, jeder nur an sich selber denkt. Das grosse Wir hat deshalb in Barack Obamas Wahlkampf eine enorme Rolle gespielt. Acht Jahre später hat Amerika die Wahl zwischen einem grossen Ego – Donald Trump – und Hillary Clinton. Sie will zwar Obamas Agenda in vielen Dingen fortsetzen, mit ihrem Slogan «Stronger Together» versucht sie auch dieses Wir-Gefühl zu vermitteln, es gelingt ihr aber nicht.

Warum denn nicht?

Man sieht Hillary Clinton als undurchsichtige Verwalterin – durchaus vergleichbar der frühen Angela Merkel. Darin liegt das Heimtückische dieses Wahlkampfs: Dass ein Abenteurer gegen eine Verwalterin antritt – und man sich an der Spitze eines Landes weder das eine noch das andere wünscht. Trotzdem wäre es epochal, wenn dem ersten schwarzen Präsidenten die erste Frau folgen könnte.

Zu Donald Trumps gefährlicher Mixtur gehört laut Dieter Thomä, dass er nationalistische Sehnsüchte bedient. (Bild: David Goldman/AP)

Zu Donald Trumps gefährlicher Mixtur gehört laut Dieter Thomä, dass er nationalistische Sehnsüchte bedient. (Bild: David Goldman/AP)

Bild: Interview: Rolf App

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