CINEMA ITALIANO: Wandel auf italienisch

Die Filmreihe bietet in Kinos in Frauenfeld, St. Gallen und Heiden einen Einblick in die Vielfalt des Filmschaffens auf der Apenninenhalbinsel.

Walter Gasperi
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Inniger vereint als sie es sich wünschen: Die Zwillinge (Angela und Marianna Fontana) im Film «Indivisibili». (Bild: PD)

Inniger vereint als sie es sich wünschen: Die Zwillinge (Angela und Marianna Fontana) im Film «Indivisibili». (Bild: PD)

Walter Gasperi

Die grossen Zeiten des italienischen Kinos mit Fellini, Antonioni, Visconti und Pasolini sind zwar längst vorbei. Dennoch bietet unser südliches Nachbarland cineastisch immer noch weit mehr als die schmale Zahl an Filmen, die jährlich einen Schweizer Verleiher finden. Bereits zum neunten Mal versuchen deshalb die beiden Institutionen «Cine­libre» und «Made in Italy», mit ihrem Tourneefestival einen erweiterten Einblick in die Vielfalt und Vitalität des aktuellen italienischen Filmschaffens zu vermitteln.

Mit 1,8 Millionen Kinoeintritten gelang dem sizilianischen Komikerduo Salvo Ficarra und Valentino Picone mit «L’ora legale» der grösste italienische Komödienerfolg des Jahres. Malerisch liegt das fiktive sizilianische Städtchen Pietrammare am Meer; doch unzufrieden ist man mit dem Bürgermeister angesichts von Müllproblem, Verkehrsstau und Umweltverschmutzung. Zunehmend lauter wird der Ruf nach «Change», und bei der anstehenden Wahl fährt folglich ein politisch unerfahrener, aber rechtschaffener Lehrer einen klaren Sieg ein. Sofort beginnt er, die Wahlversprechen kompromisslos umzusetzen, doch der Bevölkerung gehen diese Reformen bald zu weit.

Was als rasante und mit Detailreichtum punktende Abrechnung mit korrupten Politikern beginnt, wandelt sich zunehmend zur bösen Kritik an einer Bevölkerung, die in Wirklichkeit gar keine Veränderung will. Vielmehr ist man nur an der Wahrung der eigenen Interessen und Privilegien interessiert. Treffsicher und bissig ist der Blick von Ficarra und Picone zwar, er wird aber abgefedert durch das stets spürbare Verständnis für das allzu menschliche Verhalten.

Preise für Drama um siamesische Zwillinge

Nicht nur in «L’ora legale» kommt die katholische Kirche für einen italienischen Film überraschend schlecht weg, ebenso in Edoardo de Angelis’ mit sechs italienischen Filmpreisen ausgezeichnetem Drama «Indivisibili». Denn die 18-jährigen siamesischen Zwillinge Viola und Dazy werden nicht nur von ihrem Vater ausgebeutet, der mittels ihrer Auftritte bei Hochzeiten und religiösen Feiern das Leben der Familie finanziert, sondern auch der Priester profitiert davon, die Zwillinge als Wunder vorzuführen. Sowohl der Vater als auch der Priester wehren sich deshalb entschieden gegen Dazys Wunsch, durch Operation eine Trennung herbeizuführen.

Getragen von den grossartigen Hauptdarstellerinnen Angela und Marianna Fontana, arbeitet de Angelis in dem bestechend schön gefilmten Drama aber differenziert den unterschiedlichen Charakter der Zwillinge heraus. Während Dazy sich nach einem eigenen und unabhängigen Leben sehnt, hat Viola Angst vor jeder Veränderung. Physisch mag man die jungen Frauen trennen, dass aber die innere Nähe bleibt, macht die Schlusseinstellung deutlich.

Liebe, die Mauern überwindet

In ein Jugendgefängnis entführt Claudio Giovannesi in «Fiore». Hier sehnen sich die sich liebenden Häftlinge Daphne und Josh nicht nur nach Freiheit, sondern auch nach körperlicher Nähe. Jeder Kontakt ist ihnen aber verwehrt, sodass sich die Beziehung auf Blicke und heimliche Briefe beschränken muss. Im Gegensatz zu diesem Drama, das an den Neorealismus erinnert, präsentiert Francesco Amato mit «Lasciati andare» eine Screwball-Komödie. Wortwitz und Situationskomik kommen nicht zu kurz, wenn ein vom stets grossartigen Toni Servillo gespielter introvertierter Psychoanalytiker im Fitnesscenter auf eine quirlige Trainerin trifft, die Probleme geradezu magnetisch anzieht.

In «La tenerezza» von Altmeister Gianni Amelio kommt schliesslich das Leben eines pensionierten Rechtanwalts, der kaum Kontakt zu seinen Kindern hat, durch die Begegnung mit der jungen Nachbarsfamilie in Bewegung. Der verbitterte Witwer blüht durch den Kontakt mit den Kindern der Nachbarn auf, bis ein dramatisches Ereignis alles verändert.