Chemieereignis, Rückbau und Überschuss

Plötzlich schleichen sich neue Worte in unseren Sprachschatz. Sind da, als wären sie schon immer hier gewesen. Meistens gelangen sie gar nicht durch die Hintertür herein. Nein, sie platzen einfach in die Gesellschaft.

Peter Exinger
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Rubrik "sage und schreibe" für focus (Bild: Photographer: Angela Kausche (22228734))

Rubrik "sage und schreibe" für focus (Bild: Photographer: Angela Kausche (22228734))

Plötzlich schleichen sich neue Worte in unseren Sprachschatz. Sind da, als wären sie schon immer hier gewesen. Meistens gelangen sie gar nicht durch die Hintertür herein. Nein, sie platzen einfach in die Gesellschaft.

Erst vor wenigen Tagen entdeckt: das Chemieereignis. «Am Dienstagmorgen kam es» – so lautete die Polizeimeldung – «im Rangierbahnhof in D. zu einem Chemieereignis.» Früher hiess so etwas Unfall. Es bezeichnet etwas Unvorhergesehenes, nicht Erwartbares und etwas Gefährliches. Bei Unfällen geht etwas schief, gibt es Schaden, Opfer, schliesslich Schuldige. Nun haben wir es aber mit einem Ereignis zu tun. Noch immer überraschend. Aber eben etwas objektiv Positives. Von Opfern und Schäden sind wir damit weit entfernt.

Vor Monaten entdeckt: den Rückbau. «Der Rückbau erfolgt im Auftrag des kantonalen Tiefbauamtes.» Stand in unserer Zeitung zu lesen. Früher hiess so etwas Abriss. Wir schmeckten Staub, hörten Maschinen arbeiten und sahen Schutt. Der Rückbau klingt nach Mauerwerk, zu Erschaffendem. Als würde jemand etwas bauen und eben nicht zerstören, abreissen.

Vor wenigen Jahren entdeckt: den Aufwandüberschuss. «Der Finanzchef rechnet nächstes Jahr mit einem Aufwandüberschuss von 25 Millionen Franken.» Früher hiess das Verlust. Und war eindeutig negativ. Der Aufwandüberschuss hingegen kommt in einem bunten Kostüm daher.

Derlei Worte sind ein Verderben. Sie verschleiern und lügen. Sie stammen aus dem Wörterbuch des Unmenschen.