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«Chaos muss möglich sein»

Seit dreissig Jahren leitet Demenzexperte Michael Schmieder das Heim Sonnweid in Wetzikon. Der 60-Jährige wehrt sich gegen Konzepte, die Menschen mit Demenz täuschen, und erklärt, warum er in seiner Institution Chaos zulässt.
Diana Bula
Teddy im Wasserglas: Ein Leben mit Demenz bedeutet auch, dass normal ist, was sonst nicht normal ist. (Bild: Véronique Hoegger)

Teddy im Wasserglas: Ein Leben mit Demenz bedeutet auch, dass normal ist, was sonst nicht normal ist. (Bild: Véronique Hoegger)

Herr Schmieder, angenommen ein Demenzkranker schläft am liebsten auf dem Flur. Lassen Sie ihn machen?

Michael Schmieder: Ja, natürlich. Weshalb sollten wir ihn stressen, wenn wir ihm eine Couch auf dem Gang bieten können? In der Welt der Dementen ist viel mehr alltäglich als in unserer Welt, wo Grenzen durch die Gesellschaft normiert sind. Bei Dementen fällt das weg. Deshalb braucht es mehr Interpretationen von Normalität.

Trotzdem werden Sie und Ihr Team manchmal an die Grenzen des Tolerierbaren stossen. Wann?

Schmieder: Wenn ein Patient gewalttätig gegenüber anderen Patienten wird, müssen wir einschreiten. Schliesslich haben wir eine Schutzaufgabe. Die meisten Menschen mit Demenz sind aber nicht grundsätzlich aggressiv. Es braucht einen Auslöser. Herrscht draussen etwa schönes Wetter und sie können nicht raus, weil die Türe geschlossen ist, dann rütteln sie an der Klinke. Und wo einer an der Türe rüttelt, ist bald ein zweiter, der das auch tut.

Stehen die Türen im Heim Sonnweid deshalb offen?

Schmieder: Ja, untertags können die Bewohner rein und raus, nach eigenem Bedürfnis, im Sommer wie im Winter. Es gibt Menschen, die halten sich sechs Stunden am Tag in unserem Garten auf.

Offene Türen bedeuten aber auch, es hinzunehmen, dass jemand mal ins Zimmer des Nachbarn uriniert, schreiben Sie in Ihrem neuen Buch «Dement, aber nicht bescheuert».

Schmieder: Die Welt ist kein konfliktfreier Raum, das Heim Sonnweid ebenfalls nicht. Wir wollen den Bewohnern lieber viel Freiheit lassen, als sie zu bevormunden. Übrigens kommt es selten vor, dass jemand das Zimmer eines anderen betritt.

Es gibt Demenzdörfer mit Coiffeur, Supermarkt und Bushaltestellen, in denen das echte Leben simuliert wird. Ein Paradies für Demente?

Schmieder: Nein, weil an diesen Bushaltestellen nie ein Bus vorbeikommen wird. Man darf Dementen nichts vormachen.

Einige Leute würden jetzt wohl kontern, mit einer Notlüge könne man Demente schonen…

Schmieder: Wenn ich eine Freundin habe und das meiner Frau verheimliche, um sie zu schonen, so ist das verlogen. Auch Menschen mit Demenz sind nicht bescheuert. Sie haben keine Lügen verdient. Man muss es mit ihnen aushalten, wenn sie nach Hause wollen, aber nicht nach Hause können. Statt sie an eine Bushaltestelle-Attrappe zu setzen, kann man versuchen, ihre Sehnsucht zu verstehen und darüber zu reden. Bei Ausflüchten geht es nur um einen selber.

Wie meinen Sie das?

Schmieder: Notlügen bringen Pflegenden einen Moment lang Entlastung. Und sie helfen, das Konzept des Heimes durchzusetzen, an das sich die Menschen mit Demenz oft anpassen müssen. Dabei sollte es umgekehrt sein. Ein Leben mit Demenz ist ein Dasein im Chaos. Wir sollten Strukturen schaffen, um mit diesem Chaos umgehen zu können – und es nicht beseitigen wollen.

Sexualität ist im Heim Sonnweid ebenfalls kein Tabu. Was, wenn ein Dementer seine Ehefrau vergisst und sich in eine Patientin verliebt?

Schmieder: Wir erachten Sexualität als Privatsache der Patienten. Angehörige haben keine Entscheidungsgewalt, aber wir suchen eine gute Lösung für alle. Die Ehefrau will meist nichts von der Affäre wissen. So vereinbaren wir mit ihr, dass sie sich telefonisch anmeldet, bevor sie vorbeikommt. So bleibt dem Personal genug Zeit, die Turteltauben zu trennen.

Im Heim Sonnweid gibt es Spaziergänge für die Patienten, aber keine Bewegungstherapie. Warum fahren Sie die Anzahl Therapien herunter, während andere Heime immer mehr Therapien anbieten?

Schmieder: Wir wollen keine Anforderungen an Patienten stellen, die sie nicht erfüllen können. Wir haben nicht den Anspruch, sie zu heilen, wir haben den Anspruch, uns mit ihnen auf den Weg zu begeben – weg von therapeutischen Zielen. Mit Hilfe eines mobilen Ofens backen wir etwa Leckereien auf der Station. Das macht kein Therapeut, sondern eine portugiesische Reinigungskraft. Weil sie nicht gut Deutsch spricht, setzt sie auf Emotionen und Berührungen. Beides ist wichtig für Demente.

Fordern Angehörige aber nicht gerade Therapien?

Schmieder: Doch, es gibt viele Angehörige, die uns vor dem Eintritt ihrer Mutter fragen, was sie denn den ganzen Tag machen wird bei uns. Ein Zeichen für den Wunsch, dass die Erkrankte noch aktiv ist – weil sie dann einen Wert in unserer Gesellschaft hat.

Andere wünschen sich ein Einzelzimmer für den Verwandten, weil es für Luxus steht. Sie hingegen raten davon ab. Weshalb?

Schmieder: 50 bis 60 Patienten nehmen wir pro Jahr neu auf. Im Durchschnitt leben sie 2,5 Jahre bei uns, die Hälfte stirbt aber in den ersten zwölf Monaten. Mit zunehmender Demenz wollen Menschen nicht alleine sein. In dieser Phase kommen alte Hirnareale zum Vorschein, wir entwickeln uns zurück zum Höhlenmenschen. Und in der Höhle waren wir nie allein. Im Mehrbettzimmer ist stets jemand da, man fühlt sich sicherer.

Haben Sie Angst, selber mal an Demenz zu erkranken?

Schmieder: Ich will diese Krankheit nicht, aber auch keine andere. Das Gute an Demenz ist, dass sie schmerzfrei verläuft.

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