CARPOOLING: Mein Auto ist dein Auto

Unter dem Hashtag #MitfahrenLuzern werden zurzeit schweizweit Fahrgemeinschaften gebildet. Die grosse Pendlermasse fährt allerdings lieber allein.

Anina Frischknecht
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Anina Frischknecht

anina.frischknecht@tagblatt.ch

In Luzern stehen die Züge still. ÖV-Pendler können sich nun in volle Ersatzbusse zwängen. Oder sich in der täglichen Blechlawine von und nach Luzern einen Platz zum Mitfahren suchen. Zum Beispiel auf Twitter: Da werden seit Donnerstag unter dem Hashtag #MitfahrenLuzern freie Sitzplätze angeboten. Was in Luzern plötzlich funktioniert, nennt sich Carpooling und hat hierzulande einen schweren Stand. Schweizer sind in ihrem Auto nämlich am liebsten allein. So ist, laut der jüngsten Verkehrsbefragung des Bundes, ein Auto auf dem Weg zur Arbeit im Schnitt mit 1,1 Personen besetzt. Bei Fahrten für Einkäufe sitzen durchschnittlich 1,64 Personen und bei Freizeitfahrten 1,99 Personen auf Fahrer- und Beifahrersitz.

In Deutschland Trend, in der Schweiz noch ausbaufähig

Dabei wären Fahrten mit gut besetzten Autos nicht nur unterhaltsamer, sondern auch ökologisch und ökonomisch sinnvoller. Es gäbe weniger Stau, weniger Umweltbelastung und der geteilte Benzinpreis wäre erst noch schonend fürs eigene Budget. Mehrere Schweizer Initiativen und Forschungsprojekte haben schon versucht, mit besser etablierten Fahrgemeinschaften die Stau- und Umweltproblematik zu entschärfen. Sie sind gescheitert. «Der gut ausgebaute ÖV ist mit ein Grund, warum Carpooling in der Schweiz bis jetzt nicht Trend ist», sagt Jörg Beckmann, Verkehrssoziologe und Direktor der Mobilitätsakademie des TCS.

In Deutschland sieht die Sache anders aus. Besonders in grossen Industriegebieten wie dem Ruhrgebiet sind Pendler auf Fahrgemeinschaften angewiesen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. So vermittelte das Onlineportal blablacar.de im Jahr 2013 rund 100000 Fahrten. In der Schweiz waren es gerade mal 10000 Fahrten pro Jahr. Neben Blablacar, dem grössten Mitfahrnetz Europas, bieten auch E-Carpooling, Flinc und Karzoo intelligente Mobilität für die Schweiz an. Und den Studenten der HSG steht seit Mai 2016 sogar eine eigene Carpooling-Plattform zur Verfügung. Laut Mobilitätsexperte Beckmann wird sich Carpooling aber erst dann richtig etablieren, wenn eine viel grössere Anzahl Anwender erreicht werden kann. Dafür sind Angebot und Nachfrage heute noch zu gering.

Ein Projekt mit Potenzial ist «PubliRide» der Postauto AG. Individuelle Autofahrten werden mit der Postauto-App Teil des ­öffentlichen Verkehrs. «Als Verkehrsanbieter hat Postauto AG am ehesten die Chance, eine kritische Masse zu erreichen. Das Angebot muss aber noch weiter ausgebaut werden», sagt Jörg Beckmann. «PubliRide» wird momentan in mehreren Gemeinden angeboten, unter anderem auch in Häggenschwil.