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CAROLINE SCHUMAN BERGHÄNDLER: «Küssen ist intimer als Sex»

Die Sexologin Caroline Schumann Berghändler erklärt, wie man beim Küssen ­ potenzielle Partner testet. Und warum die sinnliche Geste in langen Beziehungen oft auf der Strecke bleibt.
Melissa Müller

Melissa Müller

melissa.mueller@tagblatt.ch

Caroline Schumann Berghändler, was passiert beim Küssen?

Da passiert hormonell sehr viel. Im Speichel des Mannes befindet sich Testosteron, das männliche Geschlechtshormon. Wenn ein Mann eine Frau sehr intensiv küsst, steigt bei ihr das Testosteron, und das führt bei ihr zu einer Anregung von sexueller Lust. Gleichzeitig wird bei den Geschlechtern das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet. Es gibt da einen schönen Spruch: «Küssen ist das Anklopfen im oberen Stock, ob unten noch eine Wohnung frei ist.» Wenn gut geküsst wird, dann macht das Lust.

Es gilt auch das Umgekehrte. Dann ist schon nach einem Kuss Schluss.

Wenn die Chemie nicht stimmt, wird das im Alltagssatz «Ich kann den nicht riechen» ausgedrückt. Duftstoffe werden als einziger Sinnesimpuls direkt ins Gehirn weitergeleitet. Das Riechhirn gehört zu unseren ältesten Gehirnanteilen.

Was hat Riechen mit Küssen zu tun?

Wenn wir küssen, sind im Speichel des Gegenübers HLA-Körper zu finden. Das sind Stoffe aus dem Immunsystem. Dadurch spürt der Mensch intuitiv, wie genetisch anders das Gegenüber ist. Man kann also gewissermassen testen, ob er genetisch fremd genug ist, damit die Kombination von unterschiedlichen Genen ein möglichst widerstandsfähiges Kind auf die Welt kommen liesse. Geschwisterküsse schmecken daher nicht, sie haben «Stallgeruch».

Sind Raucher beim Küssen im ­Nachteil?

Raucher schmecken sehr viel weniger. Und wer von uns käme auf die Idee, einen Aschenbecher auszulecken? Zusätzlich ist die Riechfähigkeit beeinträchtigt, weil die Härchen im Nasen-Rachen-Raum verklebt oder starr sind. Jeder Ex-Raucher sagt, er könne nun besser riechen und plötzlich schmecke nicht mehr jeder Käse gleich.

Wenn das Gegenüber sympathisch ist, aber der Kuss nicht so toll ­war, wird also nichts aus einer Beziehung?

Nicht so toll ist relativ. Wenn Sie finden: Riechen kann ich ihn, aber zwei Zentimeter weniger Zunge wäre gut, kann man darüber reden. Aber wenn er auf eine Art und Weise riecht, dass Ihnen jedes Mal schlecht wird, wird sich das wahrscheinlich nicht ändern. Bitte geben Sie sich aber ausreichend Zeit, weil je nach Zyklusphase der Frau ein Geruch unterschiedlich wahrgenommen wird und in der Schwangerschaft ist sowie so alles anders.

Küssen schmallippige Menschen schlechter?

Ich glaube nicht, dass es zu spüren ist, ob man mit acht Millimeter breitem oder vier Millimeter schmalem Lippenrot geküsst wird. Im Rahmen der sexuellen Erregung werden die Lippen ohnehin stärker durchblutet und damit voller und intensiver rot. An einer weichen Lippe hängt ein weicher Körper. Wenn man hingegen die Lippen zusammenpresst und die Zähne zusammenbeisst, wird’s schwierig. Die Anspannung strahlt in den ganzen Körper aus, breitet sich im Nacken, Zwerchfell und Beckenboden aus. Mit einem verkniffenen Mund kann man nicht küssen.

Warum weigern sich manche Prostituierte, ihre Freier zu küssen?

Viele Frauen nehmen ihr Geschlecht weit weniger wahr als ihren Mund, zu dem sie mehr Bezug haben. Den unteren Teil des Körpers hinzuhalten, ohne dass einem jemand zu nah kommt, ist ­möglich. Küssen ist oft intimer als Geschlechtsverkehr, weil Sex hier mit Liebe verbunden werden kann.

Welche Bedeutung hat der Mund?

Der hat ganz klar zunächst einmal die Bedeutung «Ernährung». Das Kind im Mutterleib hat früh eine Vorstellung von seinem Mund. Es spürt ihn, wenn es Fruchtwasser trinkt oder den Finger in den Mund steckt. Wenn es dann auf die Welt kommt und Hautkontakt mit der Mutter hat, schmeckt es den Schweiss, der ähnlich schmeckt wie das Fruchtwasser. Wenn es dann an der Brust saugt und süsse, warme Muttermilch in seinen Mund hineinfliesst, ist das einfach phantastisch. Der Mund ist unser erster Ort für Lust.

Kann man sich beim Küssen ­verlieben?

Verlieben ist ein Ganzkörperprozess, der einem natürlichen Ecstasy-Rausch gleicht. Verschiedenste Hormone wie Dopamin, Oxytocin, Serotonin, Adrenalin und Noradrenalin steigen an. Der verliebte Mensch muss nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, ist ganz auf den geliebten Partner fixiert. Diesen Zustand kann man mit Küssen noch befeuern.

Müssten Frauen wählen zwischen Küssen und Sex, würden sich zwei Drittel fürs Küssen entscheiden. ­Warum?

Eine mögliche Erklärung sind unsere biologischen Programme. Küssen hat für die Frau eher die Bedeutung der Bindungsverstärkung oder einfach von Genuss, Nähe und Intimität. Für sie kann Sex ein Nachspiel von 20 Jahren haben. Mit Küssen stellt sie Nähe her und verstärkt damit die Bindung. Viele Männer sehen den Kuss hingegen eher als Auftakt für eine sexuelle Aktivität.

Warum geht Küssen in langen ­Partnerschaften oftmals verloren?

Leidenschaft ist unter anderem eine ­Folge des Hormoncocktails. Und der ist nach etwa drei Jahren aufgebraucht. Dann stehen Ruhe, Alltag und gemeinsame Aufgabenbewältigung im Vordergrund. Hormonell besteht nicht mehr die Situation, dass man dauernd übereinander herfallen möchte. Verliebtheit ist biologisch ein Zustand, der auf Dauer zu viel Kraft fordert. Wenn man es psych­iatrisch ausdrücken will: Verliebtheit ist eine exogene und glücklicherweise selbstlimitierende Psychose.

Wie kann man das Küssen trotzdem erhalten?

Ein Paar kann die Sexualität pflegen und sich auf einen Lernweg wie Tantra begeben. Das heisst, dass man sich Zeit dafür nimmt und dem Kuss eine Bedeutung beimisst. Wenn man Sexualität als wichtige Quelle von Gesundheit begreift, kann sie eine Möglichkeit sein, sich mit Energie aufzuladen. Sexualität ist gelerntes Verhalten, wenn jemandem langweilig wird, kann er nach reizvollen Variationen suchen. Voraussetzung ist, sich als Lernenden zu empfinden.

Im Internet finden sich Kussanleitungen wie: «Erst sanft die Ober­lippe knabbern, dann langsam die Mundhöhle erforschen.» Was halten Sie davon?

Anleitungen sind gut als Anregung. Was gefällt, muss man aber individuell herausfinden. Es gibt keine Strickmuster. Jedes Paar muss erforschen und herausfinden, was es miteinander machen will. Und vielleicht sagt einer: Mein rechter Mundwinkel ist super, aber lass bitte den linken in Frieden.

Was ist die Grundvoraussetzung, um gut zu küssen?

Zu wissen: Wer bin ich? Was mag ich gerne, was finde ich nicht gut? Es ist hilfreich, das Gegenüber wahrnehmen zu können, zu spüren, was passiert, wenn ich zum Beispiel an seiner Oberlippe knabbere. Je nach Reaktion fahre ich fort, höre auf oder frage nach, wenn ich unsicher bin. Menschen, die regelmässig küssen, leben übrigens bis zu acht Jahre länger als andere. Es lohnt sich also.

Was raten Sie Singles? Möglichst viele Frösche küssen?

Nein, ich glaube nicht, dass wahlloser Körperkontakt guttut. Das ist vielleicht aufregend und anregend, aber nicht ­unbedingt lebensverlängernd. Tun Sie genau das, was Ihnen Spass macht, denn dann haben Sie eine gute Ausstrahlung und erhöhen die Chance, dabei jemandem zu begegnen, der ähnliche Interessen hat wie Sie. Treten Sie in den Dunstkreis des anderen, riechen Sie am Gegenüber und wenn beide Lust haben, gehen Sie doch einfach noch einen Schritt weiter zum ersten Kuss.

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