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CAMPING: Neun Quadratmeter Freiheit

Mit dem Wohnwangen in die Ferien zu fahren, das ist nur was für die anderen, dachte die Autorin. Prompt verlor sie zwischen Vorzelt und Miniküche fast die Nerven, bevor sie sich verwandelte.
Katja Fischer De Santi
Nicht gerade die Insel der Seligen. Ferien mit dem Wohnwagen sind kompliziert und bünzlig, aber auch sehr schön. (Bild: Hechtenberg/Caro)

Nicht gerade die Insel der Seligen. Ferien mit dem Wohnwagen sind kompliziert und bünzlig, aber auch sehr schön. (Bild: Hechtenberg/Caro)

Katja Fischer De Santi

«Oh, wie schön», sagen Freunde und Kollegen, wenn ich erzähle, dass wir in Korsika in den Ferien waren. «Oooh», sagen sie, wenn ich ergänze, dass wir mit dem Wohnwagen dort waren. Es klingt nicht mehr freudig, sondern mitleidig, fast schon gequält. Manche fragen nach, ob es sehr schlimm gewesen sei. So als hätte ich gerade einen Krankenhausaufenthalt hinter mir.

Obwohl Millionen Schweizer es jedes Jahr tun, haben Campingferien ein Imageproblem. Wer nie auf einem Campingplatz war, der denkt bei diesem Stichwort an Gartenzwerge und Häkelgardinen. An Menschen, die den ganzen Tag in Flip-Flops rumlaufen, vor WC-Häusern Schlange stehen oder in kurzen Hosen auf Klappstühlen sitzen, in der einen Hand die Grillzange in der anderen das Dosenbier.

Wir waren jung und hatten kein Geld

Ich war früher schon auf Campingplätzen. Da war ich jung, hatte kein Geld und keine Rückenprobleme. Kalte Ravioli aus der Dosen gingen als vollwertige Mahlzeit durch, schlafen konnte ich auch am Strand. Als ich zum ersten Mal in die Dritte Säule einzahlte, war mit Campingferien Schluss. Dann kamen die Kinder. Langstreckenflüge wurden zur Tortur. Anständige Hotels zu teuer, Feriensiedlungen waren uns zu spiessig, Kinderressorts zu laut, Wanderferien zu anstrengend. Also doch wieder Camping! Mit dem vollausgestatteten Wohnwangen von Freunden und einem mulmigen Gefühl fuhren wir los. Immer Richtung Süden, bis ans Meer. Reserviert haben wir nichts, unsere Anhängerkuppelung bis zu diesem Tag noch nie benutzt. Den Campingführer liessen wir auf der Küchenablage zu Hause liegen.

Da war sie also, die viel beschworene Freiheit der Camper. Einfach losfahren, wo der Wind oder besser die Autobahn einen hinträgt. Man stellt den Wohn- wagen ab, wo es einem gefällt. Und wenn die Platznachbarn nerven oder der Himmel tagelang voll grauer Wolken hängt, zieht man einfach weiter. Nachdem man zwei Stunden lang fluchend und in sengender Hitze seinen ganzen Kram abgebaut, die heulenden Kinder beruhigt und sich vom halben Campingplatz verabschiedet hat, versteht sich.

Die ganz grosse Freiheit auf neun Quadratmetern

Fragt man Wohnwagenbesitzer, was sie am Leben auf engstem Raum ohne eigene Toilette und Wasseranschluss so toll finden, kommt da immer die gleiche Antwort: «Weil auf dem Campingplatz jeder sein kann, wie er ist.» Sie meinen damit die Entledigung des ganzen Zivilisationskrams. Geschlossene Schuhe anziehen, Hemden zuknöpfen, sich kämmen und rasieren, drei Mahlzeiten am Tag einnehmen. Kann man auf einem Campingplatz alles machen, muss man aber nicht. Tun auch die wenigsten. Der Mensch verwildert zwischen durchnummerierten Parzellen. Er offenbart seine Seele, ganz ungeschützt.

Was schon sehr erstaunlich ist. Schliesslich hat der Mensch selten weniger Intimsphäre als auf einem Campingplatz. Hier sehen alle alles. Auch nachts, nur durch eine Plastiktüre oder ein paar Fetzen Nylonstoff von einander getrennt, hört man wer schnarcht, wer sich noch zankt oder schon liebt. Ein Campingplatz am Meer, das ist das viel beschworene Welt-Dorf, wo man sich noch grüsst, weil man ja quasi ständig durch fremde Vorgärten kreuzt. Und einem morgens, wenn man selbst mit verquollenen Augen und einer Frisur wie Pumuckl aus dem Wohnwangen stolpert, Nachbar Thorsten sein «auch schon aufgestanden?!» entgegenschmettert.

Die ersten Tage habe ich mich noch gegen diesen Camping-Groove gewehrt. Es war ein Kampf gegen Dämonen. Ständig hab ich mich irgendwo gestossen, hab irgendetwas runtergerissen, mich zwischen Rezeption, WC-Häuschen, Duschkabinen und Abwaschtrog fast verloren. Abends taten mir die Beine und der Kopf weh. Nachts konnte ich nicht schlafen, weil das Bett voller Sand und muffig war. Mich nervte die Nachbarfamilie mit ihren superleisen, extrem gut erzogenen Kindern. Mich nervten meine eigenen, sehr lauten, sehr schlecht erzogenen Kinder. Das ging zwei Tage so, dann begriff ich, Camping ist keine Frage der Ausstattung, sondern der Einstellung. Ich hörte auf, mich aufzuregen, hörte auf zu putzen und zu wischen. Ich setzte mich in meinen Liegestuhl und tat gar nichts mehr. Nach ein paar Tagen sah ich aus wie Jane (die von Tarzan) und bewegte mich wie ein Yogi. Sehr bewusst, sehr sparsam. Camping ist Minimalismus pur. Der Kühlschrank ist winzig, die Dusche weit weg, der Platz begrenzt. Ein Bikini und eine kurze Hose taugen für die ganze Woche. Eine eiskalte Wassermelone ersetzt eine ganze Mahlzeit. Und dieser schlurfende Camping-Gang, leicht schwingend, niemals gehetzt, wie nach zwei Gläsern Weisswein, stellt sich wie von selbst ein.

Lektionen in Einfach- und Gelassenheit

Als ich anfange, morgens noch im Pyjama Croissants zu holen und zum dritten Mal Thon-Spaghetti zu kochen, sind die Ferien schon zu Ende. Zurück im eigenen Haus, finde ich alles unnötig weitläufig. Meine Küche erscheint mir extrem luxuriös. Unter der (sehr warmen) Dusche beeile ich mich instinktiv, als könnte mein Kleiner noch immer jeden Moment nackt losflitzen. Zum Strand, vorbei an den VW-Bus-Spiessern aus Zürich, vorbei an Grüss-Thorsten und den braven Kindern von Silvie, hinein in unsere kleine muffige Höhle mit Aussicht aufs Meer.

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