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BUCH: Die Besatzung macht jeden kaputt

«Was soll das heissen?» Immer wieder stellt die Ich-Erzählerin diese Frage. Verstörung gibt den Grundton in «Sweet Occupation» an, dem neuen Buch der israelischen Autorin Lizzie Doron.
Bernadette Conrad
Aktion israelischer Friedensaktivisten: «Der letzte Tag der Besetzung ist der erste Tag des Friedens.» (Bild: Atef Safadi/EPA (Al Khader, 15. Januar 2016))

Aktion israelischer Friedensaktivisten: «Der letzte Tag der Besetzung ist der erste Tag des Friedens.» (Bild: Atef Safadi/EPA (Al Khader, 15. Januar 2016))

Bernadette Conrad

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@tagblatt.ch

Was soll das heissen, fragt sie den Friedenskämpfer und Sozialarbeiter Mohammed – dass die besetzten Gebiete «ein anderer Planet» seien? «Niemand weiss so genau, was verboten und was erlaubt ist?» Heisst es, dass sie alles andere als in Sicherheit ist, wenn sie sich zu dem geplanten Treffen mit mehreren Friedenskämpfern in die besetzten Gebiete am Stadtrand von Jerusalem begibt?

«Was soll das heissen?» – so hatte auch viele Jahre zuvor die 15-Jährige ihren Freund Emil gefragt, als er zu ihr gemeint hatte: «Du bist wie die anderen.» Emil selbst war der, der immer anders war als alle anderen. Er unterbricht die Lehrerin, wenn sie ein Gedicht auf den heldenhaften Selbstmord eines jungen Kämpfers deklamiert. Es stört ihn nicht, durch seine Andersartigkeit nie wirklich zu den Jugendlichen um Racheli und Gadi, Rafael und Micki zu gehören. Für Lizzie ist Emil der Erste, der ihr «Dinge erzählte, von denen sonst niemand sprach». Der Erste, der den auf Stärke und Patriotismus, auf Heldentode und Todfeindschaft gegenüber den Arabern gegründeten Diskurs durchbrach. Als Lizzie das erste Mal mit zu ihm nach Hause geht, kann sie es nicht glauben, dass da ein Grossvater ist, mit dem er Polnisch spricht, und eine Mutter, die eine Praxis als Gynäkologin führt. «Wann hatte sie Medizin studiert? War sie etwa nicht in Auschwitz gewesen?»

Eltern, die in Auschwitz gewesen waren – und nachts, in ihren Albträumen, immer noch die Gaskammern vor sich sahen; Eltern, die beim besten Willen für ihre Kinder keinen guten Weg ins Leben bahnen konnten: Mit diesem grossen Thema hat sich die 1953 geborene Lizzie Doron in eindrucksvollen Büchern beschäftigt und, weit über Israel hinaus, einen Namen gemacht.

Keine Erscheinung in Israel

«Sweet Occupation» aber, mit dem Doron am grossen Tabu, der Beziehung zu den benachbarten Palästinensern, rüttelt, konnte nicht in Israel erscheinen: Sie schildert in diesem Buch ihren eigenen Weg aus den grossen Ängsten und Vorurteilen heraus. «Schreiben Sie doch auch ein Buch über uns», hatte Mohammed zu ihr gesagt, den sie während einer früheren Buchrecherche kennen gelernt hatte.

Über die Mörder schreiben? Denn was sind palästinensische Terroristen anders als Mörder? Ihren von Misstrauen und Abwehr gekennzeichneten Weg beschreibt Lizzie Doron tastend und zugleich atemlos; mit dem ganzen Mut des Menschen, der seine lebenslang gewahrten Grenzen überschreiten will. Die Genehmigung, die sie für den Grenzübertritt bräuchte, trifft nicht rechtzeitig ein – sie geht trotzdem. «Ein einziges Mal will ich mutig sein.» Es sind Mohammed, Suliman und Jamil, die Friedenskämpfer auf palästinensischer, und Chen auf israelischer Seite, die sie nun regelmässig trifft und denen sie in ihrem Buch die Stimme gibt.

«Du bist ein Kind, und noch bevor du etwas vom Leben weisst, erzählt man dir, dass es jemanden gibt, der dich umbringen will, und dass du ihn umbringen musst. Wenn du anfängst zu laufen, siehst du, wo immer du hingehst, Soldaten, und man sagt dir ‹verboten›, ‹verboten›, ‹verboten›… mit sechzehn kapierst du, dass du keinen Personalausweis hast und nie einen haben wirst, dass du kein Land hast, dass dir nichts gehört… Die Besatzung hat jeden von uns kaputt gemacht.» Und dann ist da ein Friedenskämpfer der ersten Stunde, Emil. Wenn auch ein dokumentarisches Buch einen Romanhelden haben kann, dann ist es im Fall von Lizzie Dorons so wahrhaftigem Buch ihr Freund Emil, dem wiederzubegegnen auch für sie einen Kreis schliesst.

Lizzie Doron, «Sweet Occupa­tion». Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. dtv Verlag, 203 S., Fr. 23.90.

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